Ernährungspyramide andersherum

Ernährungspyramide andersherum

Liebe Leserin, lieber Leser,
seit Jahrzehnten erstellen Ernährungsfachleute pyramidenartige Zeichnungen, die aufzeigen sollen, welche Nahrungsmittel man oft und reichlich essen soll (an der Basis der Pyramide), und solchen, die man nur selten zu sich nehmen soll – an der Spitze der Pyramide. Die Pyramide von 1970 zeigt als Basis Getreideprodukte aller Art, einschließlich Weißbrot, Brezen und Croissants (!). Darüber dann Gemüse und ganz oben in Richtung Spitze Wiener Schnitzel, Milch, Torte, Fisch und Rotwein.

Im Jahr 2010 fand sich in der Basis Gemüse und Obst. Getreideprodukte waren deutlich nach oben gerückt, sollten also nicht mehr ganz so oft gegessen werden. In der Spitze alles wie gehabt.

Eine 2024er Pyramide zeigt in der Basis überhaupt kein (festes) Nahrungsmittel mehr, sondern vor allem Wasser und nochmals Wasser, schwarzen Kaffee (!) und Kräutertee. Darüber dann Obst und Gemüse. Die Getreidesparte ist stark zusammengeschrumpft: Man sieht ein krustiges Brot, Knäckebrot und die Abbildung verschiedener Körnerarten, weiter oben u. a. Joghurt, Käse, Ei, eine Flasche Öl und Nüsse. Schnitzel, Fisch, Weizenbier und Wein sind verschwunden, dafür ganz oben Schokolade, Kartoffelchips und die Abbildung eines „Drinks“, der einem Negroni aus Florenz entsprechen könnte.

Wirklich realistisch wirkt diese etwas asketisch anmutende und als „nachhaltig“ bezeichnete Pyramide vor allem für betagte Menschen eher nicht. Der aktuelle US-Gesundheitsminister möchte nun alle möglichen Fertignahrungsmittel sowie teig- und zuckerlastige Produkte aus der Ernährung weitgehend verbannen, stattdessen sollen Steaks und Milch(produkte) die Basis der gesunden Kost bilden. Ersteres ist zu begrüßen, letzteres ist abwegig. Produkte aus Massentierhaltung bedeuten bei Fleisch ungünstige Fettsäureprofile und ständigen Antibiotikaeintrag, bei Milch gemästeter Kühe verstärkt den Eintrag des insulinähnlichen IGF-Growth Faktor, der – vereinfacht – Wachstumshormonprozesse induziert und wahrscheinlich Krebserkrankungen, etwa von der Prostata, begünstigen soll.

In der Quintessenz besteht unter Medizinern wenigstens weltweiter Konsens in der Empfehlung einer mehr gemüselastigen Kost plus Obst. Diese wirkt antientzündlich und basenbildend. Vor allem im höheren Lebensalter erscheint ein Plädoyer für strengen Vegetarismus, vor allem bei von Haus aus schlanken Menschen eher fragwürdig. „Flexitarismus“ (ab und an Fleisch) bzw. „Pescovegetarismus“ (ab und an Fisch) ist hier oft die sinnvollere Option.

Dr. med. Rainer Matejka