Bewusstsein

Im Spiel: Feier der Lebendigkeit

Dr. phil. Christoph Quarch
Mensch-ärgere-dich-nicht

„Der Mensch“, notierte Friedrich Schiller einst, ist eigentlich „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Dieser ungewöhnliche Ausspruch des Dichters wird heute von der Hirnforschung bestätigt. Im Spiel können wir entfalten, was in uns steckt.

Das starke Schiller-Wort überrascht und überzeugt zugleich: Es überrascht, weil es nicht die Vernunft, die Moral oder die Technik zur höchsten Qualität des Menschseins adelt, sondern etwas so Banales und Kindisches wie das Spiel. Und doch leuchtet es unmittelbar ein, weil jedermann weiß, welche Freude, Leichtigkeit und Lust dem Spielen beigesellt sind. Vielleicht ist ja doch etwas dran: Vielleicht erfüllt sich unser Menschsein tatsächlich da, wo wir spielen.

Dass es sich wirklich so verhalten könnte, lehrt die Hirnforschung. Sie zeigt, dass unsere grauen Zellen immer dann zu Höchstform auflaufen, wenn sie spielen dürfen. Spiele zünden neuronale Feuerwerke, die unsere Kreativität beflügeln – die Königsdisziplin unseres Gehirns. Nicht dass wir strategisch auf bestimmte Ziele hinarbeiten, macht das Menschenhirn zu etwas Unvergleichlichem, sondern dass wir schöpferisch die Welt gestalten. Und eben das geschieht am ehesten im Spiel.

So bemerkt der Hirnforscher Gerald Hüther in dem jüngst erschienenen Buch „Rettet das Spiel!“, dass Menschen nur dann kreative Einfälle haben, „wenn sie ohne Druck, frei und unbekümmert, also spielerisch in der Lage sind, ihre Gedanken einfach laufen zu lassen und abzuwarten, was sich dann wie von selbst zusammenfügt. Zweckfrei und absichtslos, also spielerisch, sind sie mit ihren Gedanken unterwegs.“ Mit diesem letzten Satz ist das Geheimnis ausgesprochen, warum der Mensch tatsächlich da ganz Mensch ist, wo er spielt: weil Spielen zweckfrei ist, weil wir im Spiel nicht funktionieren müssen, weil Spielen eine Handlung ist, die sich vollkommen selbst genügt.

Wer wirklich spielt, spielt immer um des Spielens willen. Vielleicht will er das Spiel gewinnen, weil das dessen Logik verlangt. Aber gewinnen zu wollen, ist etwas anderes, als einen Gewinn davon tragen zu müssen: Gewiss kann man nicht Fußball spielen, ohne gewinnen zu wollen; aber ebenso wahr ist, dass nicht mehr gut Fußball spielt, wer dabei an die Siegerprämie denkt. Denn wer in Gedanken bei der Prämie ist, spielt nicht, sondern betreibt ein Geschäft, bei dem am Ende nur zählt, was als Profit herauskommt. Spieler aber ticken anders: Ihnen geht es darum, ein schönes Spiel zu spielen, das seinen Wert und seinen Zauber in sich selbst hat. Sollten sie dabei verlieren, ist das nicht schlimm, solange nur das Spiel gut war.

Ein gutes Spiel muss dreierlei erfüllen: Zum einen erschließt es einen Raum, in dem die Spieler frei und ungezwungen sind. Deshalb müssen Spiele Grenzen haben: eine feste Spielzeit und ein klar umgrenztes Spielfeld, die sie vom Rest des Lebens trennen. Spiele sind wie Inseln oder Oasen in einem von Zweckrationalität und Funktionieren-Müssen durchdrungenen Alltag. Sie sind davor geschützt, etwas bringen zu müssen. Nur deshalb können sie das zweite Kennzeichen guter Spiele erfüllen: In ihnen kommt etwas zum Vorschein, was sich außerhalb des Spiels nie zeigen würde. Beim Schauspiel ist das offensichtlich, beim Musikspiel ebenso. Aber auch bei anderen Spielen haben die Spieler die Möglichkeit, Emotionen, Fertigkeiten, Begabungen zu zeigen, die sie im „normalen“ Leben unter Verschluss halten müssen. Im Spiel jedoch können sie sich kreativ erproben, ungewohnte Rollen durchspielen, sich ausspielen. Spiele sind frei und offenbaren etwas.

Als drittes kommt hinzu, dass Spielen verbindet. Jedes Spiel braucht Mitspieler, die immer auch Zuschauer sind. So wie auch echte Zuschauer beim Spiel der anderen mitgehen, mitspielen. Spiele sind deshalb streng genommen immer Gesellschaftsspiele. Selbst wo ein Kind allein mit seiner Puppe spielt, macht es die Puppe zu seinem Mitspieler. Im Spiel erleben wir Verbundenheit.

In Freiheit und Verbundenheit sich zeigen und sein Bestes geben: Das ist es, was ein Spiel zu einem guten Spiel macht. Und wenn man das begriffen hat, versteht man auch, warum so viele Spiele, die heute gespielt werden, nicht gut sind: Weil sie in Wahrheit als Spiel getarnte Geschäfte sind. Am Spielautomaten wollen Menschen Geld verdienen, aber nicht spielen. Oder weil z. B. Online-Spiele Abhängigkeiten erzeugen, da sie keine Grenzen haben, sondern immer weitergehen.

Bei solchen Spielen wird der Mensch um sein Menschsein betrogen, denn statt frei und kreativ zu sein, unterliegt er dem Zwang des Gewinn-Machen-Müssens. Und statt in Gemeinschaft mit anderen verbunden zu sein, vereinsamt er vor der Maschine.

Wirklich Mensch hingegen sind wir, wenn wir gemeinsam schöne Spiele spielen – bei denen wir gemeinsam lachen, weinen, fluchen und feiern; wo wir lebendig sind. Das Spektrum der Möglichkeiten dazu ist immens. Es ist alles da. Wir brauchen nur über die Schwelle in unsere Spielräume zu treten, um im Zauberland der Spiele unsere Zeit mit Sinn und Freude zu erfüllen.

Foto: ebednarek/Fotolia

Den Artikel zu dieser redaktionellen Einleitung finden Sie in der Naturarzt-Druckausgabe 5/2017

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