Bewusstsein

Fünf Übungen zum besseren Zuhören

Ilona Koglin
Hund u. Herrchen

„Wir verlernen das bewusste Zuhören“, meint der Sound-Experte Julian Treasure. Das ist schlimmer, als es vielleicht klingt. Bewusst und gekonnt zuhören, ist nämlich die Voraussetzung für Verständnis. Verstehen wiederum die Basis für Empathie, Kreativität und letztlich auch Frieden. Streit, unauflösliche Konflikte, ja sogar Kriege können nur entstehen, weil sich zwei (Partner, Gruppen, Länder) nicht mehr zuhören und folglich auch nicht mehr verstehen.

Wer „Momo“ von Michael Ende kennt, weiß wovon die Rede ist. Momo kann zuhören. Die Menschen öffnen sich, fühlen sich angenommen und verstanden. Die Sprechenden entwickeln durch Momos Zuhören neue Gedanken, die vorher nicht da waren. Sie entdecken ihre eigenen Ressourcen und ihre Einzigartigkeit.

Was uns vom Zuhören ablenkt
Doch in einer Umgebung des „Information Overflow“ – der Überflutung an sicht- und hörbaren Informationen – scheint es geradezu Notwehr zu sein, sich dem genauen Zuhören immer mehr zu verschließen. Ein gutes Extrembeispiel dafür sind Kopfhörer – die ideale akustische Abschottung und in unserem heutigen Straßenbild keine Seltenheit. Doch was passiert, wenn wir uns so voneinander und unserer Umgebung trennen?

Den meisten von uns ist nicht bewusst, welche Filter in uns darüber entscheiden, ob die durch Schallwellen hervorgerufene Nervenimpulse von den Ohren in unser Gehirn gelangen: Unsere Kultur, Sprache, Werte, Glaubenssätze, Haltungen, Erwartungen und Intentionen bestimmen, was wir wie wahrnehmen. Treasure geht davon aus, dass wir nur 25 Prozent von dem, was unsere Ohren aufnehmen, tatsächlich auch bewusst hören.

Es geht also nicht so sehr darum, immer alles genau zu hören, sondern um die Fähigkeit, sich den eigenen Grad und die eigene Position des Zuhörens bewusst zu machen. Treasure empfiehlt dafür fünf verschiedene Übungen, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen:

1. Die Stille genießen
Schon drei Minuten bewusste Stille täglich sollen reichen, um die Fähigkeit des bewussten Zuhörens zu trainieren. Dies ermöglicht es uns, unser Zuhören quasi noch einmal neu zu kalibrieren und den Unterschied zwischen Stille und Geräuschen bewusst zu machen.

2. Den Ton-Mixer einschalten
Ob Sie sich nun in einer ruhigen oder lauten Umgebung befinden: Versuchen Sie einmal, die verschiedenen Ton-Kanäle, die Sie hören können, zu unterscheiden. Welche Ton-Arten nehmen Sie wahr? Was sagt Ihnen das über den Raum und die Zeit, in der Sie sich gerade befinden? Und was sind die Quellen der unterschiedlichen Töne?

3. Entdecken Sie Ihre Lieblingstöne
Ihre Umgebung ist voller Töne. Welche davon finden Sie besonders spannend, schön, interessant oder inspirierend? Die Waschmaschine im Schleudergang? Den Espressokocher, wenn er gurgelt? Das Rascheln von Blättern im Wind?

4. Finden Sie Ihre Hörposition
Aus welcher Perspektive und Position hören Sie anderen zu? Sind Sie zum Beispiel aktiv oder passiv, analytisch oder expansiv, kritisch oder empathisch? Die innerliche Haltung, mit der man zuhört, entscheidet ganz wesentlich darüber, wie man etwas wahrnimmt. Daher sollte man sich seiner Haltung bewusst werden, um eine Wahl treffen zu können.

5. Sich in RASA üben
RASA ist ein Akronym, das heißt ein Kurzwort, das aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Begriffe zusammengesetzt ist. Es steht für:
Receive: empfangen, aufmerksam gegenüber den Signalen des anderen sein.
Appreciative: Dem anderen Wertschätzung entgegenbringen.
Summarize: Das, was man gehört hat, zusammenfassen.
Ask: Fragen stellen und wirklich versuchen zu verstehen.

Rasa ist aber auch ein Wort aus der altindischen Sprache Sanskrit und bedeutet „Essenz“.

Bewusst zuhören kann man lernen
Fazit: Julian Treasure hat sein gesamtes Leben dem Zuhören gewidmet. So weit will sicherlich nicht jeder gehen. Doch ich stimme ihm zu, wenn er meint, dass nur diejenigen ihr Leben tatsächlich vollkommen ausleben können, die in der Lage sind, genau zuzuhören. Denn nur dann entfalten wir unsere Kreativität und leben in Frieden und Harmonie mit uns, anderen Menschen und der Natur.

Foto: Jana Behr/Fotolia

Den Artikel zu dieser redaktionellen Einleitung finden Sie in der Naturarzt-Druckausgabe 3/2017

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