Bewusstsein

Neugierig bleiben und viel entdecken

Dr. jur. Thomas Hartl
Wanderer, Fernglas

Neugier und Abenteuerlust sind die vielleicht wichtigsten Zutaten, um auch in fortgeschrittenem Alter geistig jung zu bleiben. Wir erhalten die Beweglichkeit unseres Gehirns und können wieder staunen. Nehmen wir diese Gelegenheit wahr, wird aus einem gleichförmigen, durchorganisierten Dasein eine Expedition ins pralle Leben.

Starre Gewohnheiten brechen auf, wenn wir neugierig bleiben und die Lust auf Neues wiederentdecken. Endlich von der (mentalen) Leine gelassen, können wir uns erlauben, wieder unbekanntes, spannendes Terrain zu entdecken, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und neue Ecken, Winkel, Straßen zu erkunden. Und das alles, ohne uns selbst oder anderen Rechenschaft darüber abzulegen, ob das, was wir da tun, sinnvoll, rechtschaffen, nötig oder reiner Unfug ist. Es ist herrlich, etwas ohne Sinn und Verstand zu tun, sich Zeit zu nehmen für Spielereien, ohne ein Ziel zu verfolgen, ohne etwas erreichen zu wollen – und damit auszuscheren aus dem engen Korridor unserer üblichen Wege und Verhaltensweisen.

Möchten Sie einmal etwas ausprobieren? Wohnen Sie z. B. schon Jahre in derselben Stadt und meinen bereits alles zu kennen? Dann nehmen Sie sich ein Straßenregister und suchen nach dem Zufallsprinzip zwei beliebige Straßen heraus und gehen zu Fuß von der einen bis zur anderen Straße. Wenn Sie nicht ausgerechnet in einem winzigen Dorf leben, werden Sie viel Neues gesehen haben.

Oder Sie fahren in ein Stadtgebiet, das Sie kaum kennen, steigen an einer Haltestelle aus und schlendern ohne Ziel nach Lust und Laune durch die Gassen, Parks und Geschäfte. Und erlauben sich dabei, kindlich neugierig zu sein, um dann abends mit vielen neuen Eindrücken erfüllt das Gefühl zu haben, einen „sinnlosen“ Tag durchaus sinnvoll verbracht zu haben. Das ziellose Herumspazieren und Flanieren, ohne etwas Bestimmtes vorzuhaben, dem Zufall in die Arme laufen, hat etwas wunderbar Befreiendes an sich. Oder Sie fragen einen Menschen auf der Straße nach seinem Lieblingslokal. Sie werden dadurch Orte und Menschen kennenlernen, die Ihnen sonst mit Sicherheit entgangen wären. Oder gehen Sie auf eine Party, auf der Sie niemanden kennen, in eine Vernissage, oder zum Schnuppertag in ein Fitnessstudio und schauen sich um, ob Sie etwas/jemanden sehen, das/der Ihnen gefällt.

Wenn man sich in ungewohnte Situationen bringt, gibt man der unbekannten Möglichkeit, man könnte sagen dem Glück, eine Chance.

Besonders der Urlaub eignet sich dafür, der Neugierde auf das Unbekannte freien Lauf zu lassen. Oder gehen Sie lieber auf Nummer sicher und bleiben einem Urlaubsort treu? Natürlich ist auch das völlig in Ordnung, wenn es wirklich Ihrem Wunsch entspricht. Doch wenn Sie eigentlich etwas Neues entdecken möchten und nur zu faul oder zu feige sind, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen, dann probieren Sie es doch einmal aus. Wenn Sie mutig ein (von Ihnen) noch nie betretenes Land oder eine Stadt wählen, sind Ihnen spannende Erlebnisse und Ansichten sicher.

Um sich die Frische und das Neue nicht zu verderben, rate ich Ihnen: Lernen Sie Ihr Reiseziel nicht schon vorab zu gut kennen. Informieren Sie sich nicht bis ins kleinste Detail, was Sie an Ihrem Urlaubsort vorfinden können. Sie sind offener und vorurteilsfreier, wenn Sie nicht mit festgefügten Erwartungen an einen Ort kommen, sondern mit der freudigen Erregung des möglicherweise zu Entdeckenden.

Im Urlaub könnte man auch einmal dem Zufall eine Chance geben. Der Zufall ist ein Meister der Freiheit. Man kann nicht planen, was einem zu-fällt. Und genau darum geht es. Nicht alles planen, sondern sich Freiräume schaffen und Überraschungen ermöglichen, indem man vom Vorhersehbaren abweicht.

Planlos zu sein bedeutet, Kontrolle abzugeben. Es heißt loslassen können, sich aus seinen festgefahrenen Ritualen zu befreien, um sie nach und nach mit neuen Verhaltensweisen zu füllen. Viele von uns haben es sich jedoch angewöhnt, alles kontrollieren zu wollen. Bei manchen wird daraus ein Zwang, der das Leben drastisch einengt. Ohne Plan zu sein und dies zu begrüßen, dazu braucht man eine gehörige Portion Vertrauen. Eine Art Urvertrauen, dass schon alles in Ordnung ist, so wie es ist, und so wie es wird. Loslassen, sich gehen lassen, sich gestatten, gelöst zu sein und einfach mal gar nichts oder scheinbar Sinnloses zu tun.

Wer über seinen Schatten springt, betritt Neuland. Er steigt über eine unsichtbare Grenze und erweitert seinen Wirkungskreis, seine Ansichten, sein Leben. Oft sind die Mauern der Gewohnheit dermaßen dick, dass Veränderung nicht sofort gelingt. Meist braucht es mehrere Versuche, um tatsächlich einen Schritt außerhalb des Gewohnten zu tun.

Foto: bst2012/Fotolia by Adobe

Den Artikel zu dieser redaktionellen Einleitung finden Sie in der Naturarzt-Druckausgabe 7/2017

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