Adipositasstrategien? Nicht viel Neues …

Adipositasstrategien? Nicht viel Neues …

Liebe Leserin, lieber Leser,
kürzlich habe ich mir die aktuelle Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Adipositas angesehen. Über die Hälfte der Bevölkerung soll demnach übergewichtig sein (BMI ab 25) und ein knappes Viertel adipös (BMI ab 30). Neben dem mit Adipositas einhergehenden erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rücken- und Gelenkerkrankungen und den damit verbundenen Kosten für das Gesundheitswesen, sollen knapp 7 Prozent der Krebserkrankungen adipositasbedingt sein.

Als Risikofaktoren für Adipositas gelten vor allem eine zu „energiereiche“ Ernährung bzw. deren ständige Verfügbarkeit, ferner Bewegungsmangel, Stress, Depressionen, niedriger sozioökonomischer Status und damit ein oft einhergehendes niedriges Bildungsniveau. Auch Medikamente wie Psychopharmaka, Antiepileptika, Cortison, Hormonersatztherapie (HET) in den Wechseljahren und Betablocker können Adipositas begünstigen. Als Gegenmaßnahme werden – wie heute fast immer bei Volkskrankheiten – multimodale Strategien empfohlen, die z. B. auch Verhaltenstherapie einschließen.

Was in den Leitlinien auffällt: die ständige Forderung nach Kalorienreduktion. Ist das nicht ein alter Ladenhüter? Gibt es nicht auch die Auffassung, eine Kalorie sei nicht gleich eine Kalorie, vielmehr komme es eher darauf an, wie sie individuell verstoffwechselt wird? Zumindest erscheint mir diese starke Fixiertheit auf Kalorien übertrieben und im Einzelfall auch nicht zutreffend.

So gelingt laut Studien beispielsweise beim Intervallfasten, das unter dem Begriff „intermittierendes Fasten“ durchaus als sinnvolle Maßnahme in der Leitlinie erwähnt wird, eine ähnliche Gewichtsreduktion wie bei einer „energiereduzierten“ Kost – und das ohne lästiges Kalorienzählen. Immerhin werden als weitere geeignete Maßnahmen inzwischen vegetarisch/vegane Kost und mediterrane Kost anerkannt. Zudem sollen Betroffene die 10 Regeln der DGE beachten, die allerdings ziemlich asketisch daherkommen und teilweise das Gegenteil von dem beinhalten, was die DGE vor 20 Jahren gesagt hat.

Letztendlich scheinen zu den reinen Ernährungsaspekten auch wichtige Stoffwechselfunktionen (etwa der Schilddrüse), aber auch psychologische Faktoren relevant zu sein. Wer um jeden Preis und sofort abnehmen will, schafft es meist nur vorübergehend – und oft wird danach alles noch viel schlimmer …

Letztendlich bleibt Adipositas ein schwieriges Thema vor allem, was Langzeiterfolge anbelangt. Würde jemand ein langzeitig wirksames, gut durchführbares und gut verträgliches Mittel zur Gewichtsreduktion entwickeln, er wäre schnell der reichste Mensch aller Zeiten.

Dr. med. Rainer Matejka