Erstaunliches zur Schilddrüse

Erstaunliches zur Schilddrüse

Liebe Leserin, lieber Leser,
in der Chirurgievorlesung hörten wir einst, der Nachweis eines kalten Knotens ziehe die Halbseitenentfernung der Schilddrüse nach sich, denn ein kalter Knoten könne auch entarten. Dank moderner Diagnostik wissen wir heute: Schilddrüsenknoten kommen viel häufiger vor als man einst dachte. Fast ein Allerweltsbefund, könnte man meinen.

Eine Kollegin der Universitätsklinik Dresden schreibt in einem Fachartikel sehr bemerkenswerte Sätze: Mehr als 75 Prozent der über 60-Jährigen haben Schilddrüsenknoten. Die meisten dieser Knoten bleiben unentdeckt – es sei denn, sie lösen aufgrund von „Größe und Position“ Beschwerden aus. „Die Mehrheit der Schilddrüsenknoten ist gutartig und wird auch bei Malignität nie zu Problemen führen. Nur ein sehr kleiner Teil stellt einen relevanten Krankheitswert für die Betroffenen dar.“

Bei Verdacht auf ein sogenanntes „medulläres“ Karzinom der Schilddrüse kann der Laborwert Calcitonin wichtige Hinweise liefern. Das Risiko für ein behandlungsrelevantes (papilläres) Schilddrüsenkarzinom liege schätzungsweise nur bei 0,027 %. „Etliche dieser papillären Karzinome werden zu Lebzeiten nie entdeckt und werden auch nie klinisch relevant.“

Bei zufällig entdeckten symp­tomlosen Schilddrüsenknoten ist demnach weiterführende Diagnostik und Therapie „meist verzichtbar“. „Eine Sonografie ohne medizinische Indikation erhöht die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Befunde.“

Und weiter führt sie aus, therapeutisch gäbe es für eine Therapie mit Jodid oder Schilddrüsenhormon keine Evidenz. Die Kombination aus beidem kann die Knotengröße nur minimal reduzieren, sodass es auch dafür meist keine Notwendigkeit gibt, zumal vor allem bei betagten PatientInnen das Risiko einer medikamentös erzeugten Überfunktion besteht.
Gefällt mir alles gut, was die Kollegin da schreibt, wenngleich die Empfehlungen zum Teil mutig erscheinen. Vor allem, wenn schnell wachsende Knoten oder Begleitsymptome wie Heiserkeit auftreten, sollte zügig gehandelt werden, beziehungsweise wenn sogenannte „heiße“ Knoten die Schilddrüse in eine Überfunktion treiben.

Die Schlussfolgerung gefällt mir ganz besonders: „Die Fähigkeit, das richtige Maß an Diagnostik und Therapie zu finden, ist ein zentrales Merkmal qualitativ hochwertiger hausärztlicher Versorgung.“ Es ist „wichtig, die notwendige Wachsamkeit für seltene, aber schwerwiegende Verläufe zu bewahren und gleichzeitig unnötige Untersuchungen und Behandlungen sowie Pathologisierungen zu vermeiden. Dies entlastet sowohl (…) Patienten als auch das Gesundheitssystem.“ Diese Aussagen sollten auch für andere Bereiche der Medizin gelten!

Herzlich
Dr. med. Rainer Matejka