Wie die Gier zum Guten gereichen kann
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Wie die Gier zum Guten gereichen kann

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Dr. phil. Christoph Quarch

Die Gier nach Profit, Macht oder Land ist heute allgegenwärtig. Sie zerstört Lebensräume, führt zu Emigration und löst Kriege aus. Nicht umsonst zählt die Habgier in der christlichen Religion zu den sieben Todsünden und im Buddhismus zu den drei Geistesgiften.

Will man die Welt der Gegenwart verstehen, kommt man um das Thema „Gier“ nicht herum. Gutes Anschauungsmaterial bietet der Film „Wall Street“ (1987) von Oliver Stone. Darin hält der Finanzinvestor Gordon Gekko (gespielt von Michael Douglas) in einer Schlüsselszene eine eindrucksvolle Rede, die in den Worten mündet: „Der entscheidende Punkt ist doch, dass die Gier, leider gibt es dafür kein besseres Wort, gut ist. Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.“

Die Worte treffen ins Herz der heutigen Welt, die nach Maßgabe einer Selbstdeutung des Menschen eingerichtet ist, in deren Zentrum der Glauben steckt, den Gekko unverblümt ans Licht bringt: Dass Gier gut ist. Die Interpretation des Menschen mit dieser zentralen Aussage trat ihren Siegeszug im 17. Jahrhundert an und deutete den Menschen als einen gierigen, zweckrationalistischen und hedonistischen Egoisten. Es war – wohlgemerkt – nur eine Deutung, doch irgendwann begannen die Menschen an dieses Menschenbild zu glauben und richteten die Welt danach ein. Deshalb leben wir heute in einer Welt, in der sich der Homo oeconomicus frei entfalten kann.

Mit der Ansicht, dass unsere Welt von der Gier angetrieben wird, steht Gekko nicht alleine da. Tatsächlich hat der Regisseur seinem Filmhelden Worte in den Mund gelegt, die der Millionär Ivan Boesky kurz vor seiner Verhaftung wegen Insidergeschäften vor Studenten aussprach: „Übrigens ist Gier in Ordnung. Ich will, dass ihr das wisst. Ich denke, Gier ist gesund.“ Schon einer der Gründerväter der modernen Ökonomie, Bernard Mandeville (1670 – 1733), reimte „Stolz, Luxus und Betrügerei/Muss sein, damit ein Volk gedeih‘./Quält uns der Hunger oft auch grässlich,/zum Leben ist er unerlässlich.“

Und rechtfertigt die enorme Wohlstandsvermehrung der Neuzeit nicht diese im Zeichen der Ökonomie erfolgte Umdeutung aller Werte? Hat sich die Gier als Motor der Moderne nicht bewährt? Dass Gier ein starker Antrieb ist und viele Menschen reich gemacht hat, kann nicht bezweifelt werden. Doch die Weste des Homo oeconomicus hat viele dunkle Flecken: Raubbau an der Umwelt, Auseinanderfallen von Gesellschaften, Hunger in weiten Teilen der Welt, Kriege, Terror, Depression. Es wäre aber zu einfach, die Gier deshalb für grundsätzlich böse zu erklären. Würde uns nicht eine kostbare Energie verlorengehen, wenn die Gier nicht wäre?

Tatsächlich ist Gier weder gut noch böse. Sie ist flach, unreif, klein – sie generiert eine oberflächliche Welt, pubertäre Manager/-innen und kleine Verbraucher-Seelen. Der springende Punkt ist, dass Gier kultiviert werden muss, um dem Menschen zum Guten zu gereichen. Sie muss erwachsen werden, reifen – sie benötigt ein Ziel und eine Grenze, die dem Leben dienen.

Dafür brauchen wir ein besseres Verständnis der Gier. Hier kann uns Platon helfen. In seinem „Gastmahl“ gibt es eine Passage, in der Sokrates die Gier nach Geld und Ruhm als Schwundform dessen deutet, was er Eros nannte. Auch Eros ist eine starke Kraft, die der Gier von außen ähnlich sieht. Doch strebt er nicht nach Geld und Ruhm, sondern nach voll erblühtem Leben und Schönheit. Der erwachsene Eros begehrt nicht grenzenlos, da ihm das Leben selbst die Grenze setzt: Er steht im Dienst eines lebendigen Lebens. Dieser erotische Impuls steckt auch in der Gier, nur unfrei und unreif: verkümmert zum grenzenlosen Egoismus eines modernen Homo oeconomicus, der die Rückbindung ans Gute, Wahre und Schöne des Lebens verloren hat.

Der große Irrtum der Moderne war es, die spirituelle Dimension des Eros zu ignorieren und ihn als bloße Gier vor den Karren der Ökonomie zu spannen. Was wir bräuchten, wäre aber eine Ökonomie, die sich die treibende und klärende Kraft des Eros zunutze macht, um dem Leben zu dienen und es zu entfalten. Die Kraft dieser Ökonomie würde der heutigen Wirtschaftskraft in nichts nachstehen, doch ihr Wachstum wäre nicht quantitativ, sondern qualitativ: mehr Leben, mehr Schönheit, mehr Liebe. Aus heutiger Sicht eine Utopie – geboren aus der Sehnsucht des Eros selbst.

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