Von echter Stärke
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Bewusstsein

Von echter Stärke

Verena Grein, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Stärke hat ein bemerkenswert negatives Image bekommen, das wahrscheinlich auf einem großen Missverständnis beruht. Wenn heute von Stärke gesprochen wird, denken viele Menschen an Durchhalteparolen, Härte und Selbstoptimierung, an Menschen, die alles „im Griff“ haben, immer funktionieren und leistungsfähig sind, niemals zweifeln und bloß keine Schwäche zeigen. Das Bild von Stärke als einer glatten, undurchdringlichen Rüstung, an der alles abprallt.

Wer Stärke so auffasst, verwechselt sie vermutlich mit Widerstand. Und wer stets Widerstand leisten muss, brennt innerlich aus und verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst, zu den eigenen Grenzen, Bedürfnissen, Gefühlen.

Wahre Stärke zeigt sich oft gerade dort, wo ein Mensch aufhört, permanent gegen sich selbst anzukämpfen. Jemand, der seine Angst ehrlich anschauen kann, ist stark, ebenso wie diejenige, die nach einem Verlust weiterlieben kann, obwohl sie weiß, dass Liebe uns verletzlich sein lässt. Ein Mensch, der sich entschuldigt, Verantwortung übernimmt oder eine Grenze setzt, obwohl er Ablehnung fürchtet, ebenfalls. Stärke zeigt sich nicht zwingend im Aushalten, sondern vielmehr im Zulassen.

Das widerspricht vielen frühen Prägungen. Zahlreiche Menschen haben gelernt, dass Gefühle problematisch sind. Dass man „sich zusammenreißen“ müsse, dass Tränen Schwäche bedeuten oder Bedürfnisse unerwünscht sind. Gerade leistungsorientierte Menschen entwickeln deshalb häufig eine beeindruckende Fähigkeit zu funktionieren und gleichermaßen Schwierigkeiten damit, sich helfen zu lassen oder Unsicherheit auszuhalten.

Doch emotionale Abspaltung ist keine Stärke, sondern im Regelfall Überlebensstrategie.

Wer sich immer aufrechthält, hat nicht automatisch gelernt, gesund mit Belastung umzugehen. Manche Menschen sind nur deshalb scheinbar robust geworden, weil sie sehr früh das Gefühl vermittelt bekamen, es müsse eben irgendwie weitergehen. Nicht wenige tragen eine Geschichte in sich, in der sie viel zu früh Verantwortung übernehmen, für andere mitdenken, sich anpassen oder eigene Bedürfnisse zurückstellen mussten. Von außen wirkt das souverän. Innen jedoch herrscht nicht selten eine große Härte gegen sich selbst.

Es braucht deshalb oft mehr Kraft, sich berühren zu lassen, als sich zu verschließen. In therapeutischen Prozessen zeigt sich immer wieder etwas Erstaunliches: Heilung beginnt dort, wo wir uns selbst mit mehr Ehrlichkeit begegnen und davon ablassen, permanent eine Rolle zu spielen. Wenn Lebendigkeit das strenge Korsett sprengt, sind wir auf einem heilsamen Weg.

Dazu gehört auch, Ambivalenzen auszuhalten. Stärke bedeutet keineswegs, immer sicher zu sein. Und nicht jeder mutige Mensch fühlt sich 24/7 couragiert. Viele wichtigen Entscheidungen werden mit zitternden Knien getroffen. Manche Menschen wirken nach außen ruhig und klar und erleben innerlich dennoch Angst, Zweifel oder Traurigkeit. Wer psychisch gesund ist, erlebt weiterhin schwierige Gefühle. Doch er kann mit ihnen in Beziehung treten, ohne vollkommen von ihnen beherrscht zu werden.

Stärke: das ist auch, bei sich zu bleiben, wenn das Leben herausfordernd wird. Denn das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren. Der eigene Körper unterliegt dem Wandel. Beziehungen verändern sich. Sicherheiten brechen weg. Menschen werden enttäuscht, sind krank, verunsichert oder traurig. Wenn wir Stärke ausschließlich über Kontrolle definieren, geraten wir deshalb früher oder später an einen Punkt tiefer Überforderung. Wenn wir hingegen lernen, innerlich beweglich zu bleiben, Gefühle wahrzunehmen, und uns selbst ernst zu nehmen, entwickeln wir etwas sehr viel Tragfähigeres.

Stärke muss sich nicht beweisen. Sie zeigt sich in kleinen Dingen: darin, Hilfe anzunehmen, ein ehrliches Gespräch zu führen, nach Jahren wieder Vertrauen zu wagen, sich auszuruhen, ohne sich schuldig zu fühlen, nicht jede Erwartung zu erfüllen, oder morgens aufzustehen, obwohl das Leben sich gerade schwer anfühlt. Stark sind sicher auch jene, die sich berühren lassen und ihre Menschlichkeit bewahren, auch nach Brüchen, Krisen und Enttäuschungen.