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Der „Spiegel“ und die Homöopatie

Ein Krokodil in der Elbe

Christoph Wagner (HP), Naturarzt-Redaktion


In Hamburg hat der „Spiegel“ („Homöopathie – die große Illusion“) ein Ungeheuer entdeckt, was schon riesige Ressourcen unseres Gesundheitssystems verschlungen hat – und immer gefräßiger wird: die Homöopathie. Ein versierter Krokodiljäger aus England wurde zu Hilfe gerufen.

„Noch nie standen sich Anhänger und Gegner der Homöo­pathie so unversöhnlich gegenüber,“ will das „Nachrichtenmagazin“ festgestellt haben. Vielleicht in England, aber hier nicht. Kein Wunder, dass der Kronzeuge Professor E. Ernst in England einen Lehrstuhl für Erforschung der Komplementärmedizin hat. In Deutschland setzt man bei der Vergabe solcher Posten beim Bewerber neben einer wissenschaftlichen Qualifikation auch ein gewisses Wohlwollen gegenüber der Komplementärmedizin voraus – und das ist gut so!

Anhänger der Homöopathie werden in der ­Spiegel-Story grundsätzlich als „hemmungs­los Gläubige“, die auf „Wunderpillen“ schwören darge­stellt, während Gegner automatisch als „fundierte Kritiker“ oder einfach als „die Wissenschaftler“ auftreten. Wer der­art zahlreiche forschende Komplementärmediziner, 7000 Ärzte (mit Zusatzbezeichnung Homöo­pathie), dazu schätzungsweise eben so viele Heilpraktiker, und all ihre Patienten als geis­tig Minderbemittelte vorführt, muss es nötig haben.

Die Spiegel-Mitarbeiter befällt schon bei Buchtiteln wie „Nahrungsmittel gegen Krebs“ und impfkritischer Literatur im ­Regal die Angst vor der „Esoterik“ – da muss die Erkundung der Homöopathie zur Geisterbahnfahrt werden. Nebenbei bemerkt: Die Wirksamkeit der meisten Impfungen ist wissenschaftlich nicht belegt. Aber was den hemmungslos Wissenschafts­gläubigen plausibel ist, müssen sie ja nicht überprüfen ...

Versuchen wir jedoch, den Anstoß aus Hamburg positiv zu sehen: Ständig werden neue Umfrageergebnisse veröffentlicht, wie viele Menschen „die Homöopathie“ schätzen und so behandelt werden möchten, manchmal wirkt das wie ein Überbietungswettbewerb. Aber was verstehen die 65, 75 oder 90 Prozent der angeblichen Homöopathiefans unter „Homöopathie“? Viele von ihnen halten wahrscheinlich alles, was irgendwie natürlicher wirkt als die Schulmedizin, für „Homöopathie“. Der Spiegel liefert Aufklärung, dass es sich dabei um ein spezielles Therapieverfahren handelt.

Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung (KVC) kritisiert, die Homöopathie wäre im Spiegel maßgeblich über die Potenzierung definiert worden. „Das zentrale Grundprinzip der Homöopathie ist aber nicht die Potenzierung, sondern das Ähnlichkeitsprinzip.“ Ob diese Kritik greift? Dem Namen nach steht „Homöopathie“ zwar primär für eine Behandlung nach dem Ähnlichkeitsprinzip: „Ein Mittel, das bei Gesunden die Symptome XYZ auslöst, hilft Kranken mit ähnlichen Symptomen.“ Doch die Verwendung von potenzierten, d. h. verdünnten Mitteln, ist ebenso zentral geworden, und schon zu Hahnemanns Zeiten mit bis heute wissenschaftlich kaum erklärbaren Potenzen.

Verständlich ist die Kritik von KVC und anderen Verbänden, dass der Spiegel genüsslich diverse Ausgangsstoffe homöo­pathischer Mittel nennt: von Krötengift bis Kondomgummi. Man merkt die böse Absicht der Autoren und ärgert sich. Allerdings hat sich die Materia Medica, also die Sammlung aller homöopathischen Einzelmittel, seit Hahnemanns Tagen wirklich erstaunlich entwickelt: von 150 Mitteln, die der Meis­ter selbst noch akribisch geprüft und beschrieben hatte, zu 3000–5000. So genau weiß das keiner, weil manche auch Berliner Mauer C30 oder Motorradhelm C200 dazu zählen. Das lässt durchaus Fragen zum Verständnis aller homöopathischen Mittel zu.

Hahnemanns Annahme war, dass wenn eine Fallbeschreibung aus der Praxis an 20 „echte“ Homöopathen geschickt würde, und jeder für sich den Fall lösen müsste, so doch am Ende 20-mal das gleiche Medikament herauskäme. Das hat damals ansatzweise funktioniert, heute ist es kaum vorstellbar. Wie auch, bei der Fülle an Mitteln – ohne Computerprogramm wären viele Therapeuten aufgeschmissen – und an Interpretationen der Homöopathie.
Die klassische Homöopathie mit Einzelmitteln ist nach naturwissenschaftlichen Standards schwer erforschbar, da nicht Krankheiten, sondern Menschen (mit individueller Symptomatik) behandelt werden. Dazu kommt eben nun, dass diese Einzelmittel-Homöopathie heute nicht nur individuell in Bezug auf den Patienten ist, sondern auch in Bezug auf die Therapeuten. Wer sich als Wissenschaftler in dieser unübersichtlichen Landschaft bewegt, verdient Respekt. Denn vieles bleibt vorerst spekulativ, der jeweiligen Lehre, der man folgt, und Intuition überlassen. Die Homöopathie ist weder widerlegt noch bewiesen, zumal es „die“ Homöopathie gar nicht gibt.

Belegt ist allerdings die „Wirt­schaftlichkeit“ homöo­pathischer Behandlungen. Glauben Sie, irgendeine Kasse würde zahlen, wenn das ein reines Zuschussgeschäft wäre? Die Kassen, die dermaßen viel schulmedizinische Diagnostik und Therapie, deren Nutzen nicht wissenschaftlich bewiesen ist (!), erstatten müssen, bekommen hier für wenig Geld zufriedenere und gesündere Patienten. Über die tatsächlichen finanziellen Zusammenhänge wollten Ernst und seine Kampagnenkumpels aber gar nicht aufklären. Denn um das Krokodil zu erlegen, mussten sie es zuvor aufblasen.



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