Von der Erlaubnis, nicht stark sein zu müssen
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Bewusstsein

Von der Erlaubnis, nicht stark sein zu müssen

Verena Grein, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Viele Menschen, die therapeutische Begleitung suchen, gehören zu jener Gruppe, die im Alltag als besonders belastbar, verantwortungsvoll und tragend wahrgenommen wird. Sie organisieren, halten zusammen, übernehmen Verantwortung, funktionieren – oft über Jahre hinweg mit einer Selbstverständlichkeit, die kaum hinterfragt wird. Bis irgendwann, meist ohne große Dramatik, ein leiser Satz auftaucht, der mehr Wahrheit in sich trägt als viele Erklärungen: Ich kann nicht mehr.

Dieser Satz kommt selten als Vorwurf. Eher als innere Feststellung. In einer Kultur, die Stärke mit Durchhaltevermögen, Leistungsfähigkeit und Kontrolle gleichsetzt, lernen viele früh, dass Anerkennung vor allem dann folgt, wenn sie funktionieren, sich anpassen und keine Umstände machen. Schwäche hingegen wird subtil mit Versagen verknüpft – nicht offen, aber wirksam. So entstehen innere Programme, die das Selbstbild prägen und oft ein Leben lang tragen: Ich muss klarkommen. Ich darf nicht zur Last fallen. Ich muss stark sein.

Was dabei häufig verloren geht, ist nicht die Fähigkeit, Dinge zu bewältigen, sondern der Kontakt zu sich selbst. Zu den eigenen inneren Zuständen, zu dem, was jenseits von Rollen und Funktionieren tatsächlich gefühlt wird. Denn Stärke, wie sie gesellschaftlich verstanden wird, bedeutet oft ein dauerhaftes Über-sich-hinausgehen, ein inneres Zusammenhalten, ein permanentes Regulieren nach außen – während innen längst Erschöpfung, Leere oder Unsicherheit Raum einnehmen. Auf Dauer bleibt das nicht folgenlos.

Innere Stärke zeigt sich nicht im Aushalten um jeden Preis, sondern in der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung. In der Bereitschaft, die eigenen inneren Bewegungen ernst zu nehmen, auch dann, wenn sie unbequem sind oder vertraute Schutzmechanismen infrage stellen. Wer sich selbst dauerhaft übergeht, verliert den Zugang zu jenen inneren Räumen, in denen Orientierung, Regeneration und Sinn entstehen.

Verletzlichkeit ist dabei kein Mangel, sondern ein natürlicher Zustand des Menschseins. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, zwischen Anspannung und Entspannung zu pendeln, zwischen Aktivität und Ruhe, zwischen Autonomie und Verbundenheit. Wenn wir aufhören, alles im Griff haben zu müssen, reagiert der Körper mit Entlastung. Sicherheit wird nicht gedacht, sie wird empfunden.
Was hier geschieht, ist eine neurobiologische Reaktion auf Beziehung und innere Erlaubnis. Der Organismus beginnt, aus dem Modus des Daueralarms auszusteigen, sobald er spürt, dass er nicht mehr kämpfen muss. In der psychotherapeutischen Arbeit begegnen wir immer wieder Menschen, die lange stark waren und dann an einen Punkt kommen, an dem nichts mehr geht. Sie berichten von Erschöpfung, Schlaflosigkeit, innerer Leere, von dem Gefühl, sich selbst verloren zu haben. Häufig stellen sie die Frage, was mit ihnen nicht stimmt.

Dabei handelt es sich weniger um Störungen als um Signale eines Systems, das zu lange übergangen wurde. Der Körper beginnt zu sprechen, wenn das Bewusstsein zu lange weghört. Diese Signale sind keine Feinde. Sie sind Versuche, wieder in Kontakt zu kommen – mit den eigenen Grenzen, dem eigenen Rhythmus, der eigenen Wahrheit.

Verletzlichkeit bedeutet, innerlich weich zu werden, die permanente Abwehr zu lockern, sich selbst nicht länger als Projekt zu betrachten, das optimiert werden muss, sondern als lebendiges Wesen, das Resonanz, Verständnis und Zuwendung braucht. Dort, wo wir uns zeigen dürfen, entstehen neue Beziehungserfahrungen. Erfahrungen, in denen wir nicht wegen unserer Stärke gesehen werden, sondern in unserer Menschlichkeit.

Genau hierin liegt die eigentliche Stärke: in der Entscheidung, sich selbst nicht länger zu verlassen. Nicht stark sein zu müssen bedeutet nicht, aufzugeben, sondern wieder in Beziehung zu treten – mit sich selbst, mit dem eigenen Körper, mit dem inneren Erleben. Und manchmal beginnt genau dort etwas Neues.