Wo bist Du, während Dein Leben geschieht?
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Wo bist Du, während Dein Leben geschieht?

Verena Grein, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Wir trinken eine Tasse Tee, sind gedanklich aber bereits im nächsten Termin. Wir sitzen mit einem geliebten Menschen am Tisch, und gehen innerlich noch einmal ein Gespräch vom Vortag durch. Wir gehen durch den Wald, doch statt die Abendsonne zwischen den Bäumen zu genießen, beschäftigen wir uns mit einer Zukunft, die noch gar nicht eingetreten ist und sich womöglich niemals auf diese Weise entfalten wird. Unser Körper ist anwesend, aber unser Geist hält sich häufig an einem ganz anderen Ort auf.

Wie oft das geschieht, untersuchten die Psychologen Matthew A. Killingsworth und Daniel T. Gilbert von der Harvard University bereits vor sechzehn Jahren. Für ihre viel beachtete Studie befragten sie mehr als 2.000 Menschen zwischen 18 und 88 Jahren über eine Smartphone-Anwendung zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten: Was tust Du gerade? Woran denkst Du? Und wie glücklich fühlst Du Dich in diesem Moment?

Das Ergebnis war bemerkenswert: In fast 47 Prozent der erfassten Augenblicke waren die Gedanken der Teilnehmenden nicht bei dem, was sie gerade taten. Doch noch aufschlussreicher ist eine andere Beobachtung: Die Menschen waren meist weniger glücklich, wenn ihr Geist abschweifte, selbst dann, wenn er sich mit angenehmen Dingen beschäftigte. Was sie gerade dachten, schien ihr Wohlbefinden stärker zu beeinflussen als die Tätigkeit, der sie tatsächlich gerade nachgingen. Die Forscher fassten ihre Erkenntnis in einem Satz zusammen: „A wandering mind is an unhappy mind“. Ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Tagtraum uns schadet. Unser Geist braucht Freiräume. Er entwirft Möglichkeiten, verbindet Erinnerungen miteinander, löst Probleme und lässt Neues entstehen. Ohne seine Fähigkeit, über den gegenwärtigen Augenblick hinauszugehen, gäbe es weder Fantasie noch vorausschauendes Handeln. Belastend wird das Wandern der Gedanken jedoch dann, wenn wir nicht mehr frei zwischen innerer Welt und Gegenwart wechseln können. Wenn unser Geist uns immer wieder ungewollt in vergangene Verletzungen, zukünftige Befürchtungen oder endlose innere Gespräche hineinzieht. Während im Außen vielleicht noch gar nichts geschehen ist, hat unser Inneres längst eine ganze Wirklichkeit erschaffen.

Achtsamkeit möchte diesen Strom nicht gewaltsam unterbrechen. Sie verlangt nicht von uns, keine Gedanken mehr zu haben, denn genau dieser Anspruch würde nur einen neuen inneren Kampf erzeugen. Achtsamkeit bedeutet vielmehr, zu bemerken, dass wir fortgetragen wurden, und uns freundlich und wohlwollend zurückzuholen. Zum Atem. Zum Körper. Zu dem Menschen, der uns gegenübersitzt. Zu dem Leben, das nicht gestern und nicht morgen, sondern immer nur jetzt berührbar ist.

Das klingt einfach und ist doch eine Form der Übung. Denn unser Geist liebt das Unabgeschlossene. Er kehrt zu dem zurück, was wir noch nicht verstanden haben, versucht Unsicherheiten zu kontrollieren und sucht nach Antworten auf Fragen, die sich vielleicht gerade nicht, vielleicht auch nie beantworten lassen. Achtsam zu sein heißt deshalb nicht, alles sofort loszulassen. Es heißt, entscheiden zu lernen, welchem Gedanken wir folgen möchten, und welchen wir getrost vorbeiziehen lassen können.

Wir brauchen weder lange Meditationen noch eine vollkommen stille Umgebung. Oft reichen Sekunden mitten im Alltag: den warmen Becher in den Händen spüren, beim Gehen den Boden unter den Füßen wahrnehmen, einem vertrauten Menschen wirklich zuhören oder für einen Atemzug feststellen, wie es uns gerade geht.

Denn während unsere Gedanken das Gestern noch einmal durchspielen oder ins Morgen vorauseilen, geschieht unser Leben. Die tiefste Form von Bewusstsein ist die Präsenz.