Wer gibt, hilft  auch sich selbst
Bewusstsein

Wer gibt, hilft auch sich selbst

Prof. Dr. Hartmut Schröder

Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und anderen helfen, tun auch etwas für ihre eigene Gesundheit. Das haben mehrere wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt. Möglichkeiten, sich für andere einzusetzen, gibt es viele: in der Hospizarbeit, bei der Unterstützung von Geflüchteten, in Vereinen, in der Jugendarbeit, im Naturschutz etc.

Manfred Spitzer, der Bestsellerautor (z. B. „Digitale Demenz“) und Psychiater, hat in einem Editorial der Zeitschrift „Nervenheilkunde“ (12/2006) statistisch nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen Ehrenamt und Gesundheit gibt. Unter Bezug auf eine Stelle in der Apostelgeschichte des Lukas (Kapitel 20, Vers 35) trifft Spitzer die evidenzbasierte Aussage, dass Geben wirklich seliger denn Nehmen ist. Wer mehr gibt, lebt länger und gesünder.

Spätestens seit der beeindruckenden Studie der Sozialpsychologin Stephanie Brown, 2003 veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Psychological Science“, war bekannt, dass Helfende sich besser fühlen, gesünder sind und sogar länger leben als Menschen, die anderen nicht helfen und eher nehmen statt zu geben. Spitzer verweist auf zahlreiche Studien, die die positiven Effekte des Helfens sogar genau berechnen und mit Effekten von Medikamenten vergleichen. So sinkt die Sterblichkeit beim Geben um 85 %, steigt aber beim Erhalten von Unterstützung leicht an. Schadet Nehmen der Gesundheit?

Spitzer stellt dazu Korrelationen von jeweils zehn einzelnen Aspekten des Gebens und Erhaltens von Unterstützung auf die Sterblichkeit her und kommt zu folgenden Ergebnissen: „Wenn einer Ihnen beim Bezahlen von Rechnungen hilft, ist das für Ihre Lebenserwartung doppelt so ungünstig, wie Aspirin günstig ist; wenn er ihren Haushalt macht, ist der Effekt viermal so groß.“

Der Vergleich von Geben und Nehmen ergibt, dass sich nur eine Form des Nehmens bzw. des Erhaltens von Unterstützung positiv auswirkt: Wenn jemand einem anderen Menschen zuhört, so ist das für die Person, der zugehört wird, im Hinblick auf die Sterblichkeit doppelt so gut wie Aspirin. „Einem anderen Menschen jedoch zu helfen, hat im Vergleich zur Einnahme von Aspirin etwa den fünffachen positiven Effekt auf ihr Überleben“, so Spitzer in seinen statistisch gestützten Überlegungen.

Spitzer geht sogar noch einen Schritt weiter und begründet auf der Grundlage der Daten, dass „man allein durch Ehrenämter die Streichung einer ganzen Reihe von Langzeitmedikationen ausgleichen“ könnte. Allerdings geht er davon aus, dass man eine Studie zu den Gesundheitseffekten eines Ehrenamtes – falls eine solche denn überhaupt einmal durchgeführt werden sollte –„mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus ethischen Gründen vorzeitig“ abbrechen müsste: Denn die Effekte des Ehrenamtes auf die Gesundheit und die Sterblichkeit sind statistisch so stark, dass man sie niemandem vorenthalten dürfte. Das zeigte auch eine britische Studie, in der 40 Untersuchungen zum Thema Ehrenamt ausgewertet wurden. Anderen zu helfen und sich einzubringen, linderte demnach Depressionen, sorgte für mehr Lebenszufriedenheit und verbesserte das Wohlbefinden, heißt es in der Zeitschrift „BMC Public Health“. Ein Einfluss von ehrenamtlichem Engagement auf körperliche Beschwerden wurde in dieser Untersuchung nicht festgestellt.

Die vorliegenden Studien machen deutlich, dass das Ehrenamt nicht nur einen positiven Effekt auf Lebenserwartung und Gesundheit hat, sondern die Helfer auch zufriedener und glücklicher macht sowie Sinn ins Leben bringt. Es sind also psychologische, soziale und physische Vorteile, die den Helfer belohnen.

Auf eine wichtige Einschränkung weist F.-J. Hücker in einem Artikel über die ehrenamtliche Seelsorge hin: Eine verlängerte Lebenszeit haben Ehrenamtliche nur, wenn sie „für eine einzige Einrichtung tätig sind. Teilen sie ihre Zeit unter mehreren Institutionen auf, konnte dieser lebensverlängernde Effekt ebenso wenig festgestellt werden wie bei Menschen, die in den Genuss der ehrenamtlichen Arbeit kamen.“ Es kommt nämlich auch darauf an, für sich selbst das richtige Maß zu finden und sich nicht im Dienst an anderen völlig zu überfordern. Das ist dann natürlich für die Gesundheit kontraproduktiv.

Eine weitere Einschränkung macht eine amerikanische Forschergruppe um Sara Konrath, die in einer Langzeitstudie nachweisen konnte, dass sich die Lebenserwartung nur dann erhöht, wenn der Einsatz selbstlos ist. Ändert sich dies, so nehmen auch die positiven Effekte wieder ab.

Als Fazit lässt sich festhalten: Geben, anderen helfen und ehrenamtliche Arbeit haben positive Effekte auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, wenn wir uneigennützig handeln, uns nicht überfordern und es vor allem mit Freude tun. Wir erhalten dann täglich und ohne Kosten Vitamin G (geben) – frei von Risiken und Nebenwirkungen.

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