Vom Untergang des Feierabends
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Bewusstsein

Vom Untergang des Feierabends

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Prof. Dr. rer. pol. Karlheinz A. Geißler

Für die einen ist der Feierabend ein Zeitsignal, für andere eine Zeitinstitution. Dritte sehen in ihm kaum mehr als eine Sentimentalität aus längst vergangenen Zeiten, und einer zunehmenden Zahl junger Menschen ist der Feierabend unbekannt.

Für die meisten Zeitgenossen, denen das Wort „Feierabend“ noch etwas sagt, wird damit das Ende des Arbeitstages markiert, für andere beginnt die Freizeit, die man mit der Familie verbringt, oder es fängt das an, was die Amerikaner „Quality Time“ (Qualitätszeit) nennen.

Der Begriff „Feierabend“ stammt aus der vormodernen mitteleuropäischen Welt christianisierter Bauern und Handwerker. Man kennt ihn seit dem 12. Jahrhundert als den „vîr-âbend“, den Vorabend zu den damals häufigen Feiertagen, an dem man sich auf festliche Ereignisse einstimmte. Hörbar wurde er durch das Feierabendläuten, das sich in ländlichen Gebieten bis heute als „Samstagsläuten“ erhalten hat. Die Glocken leiteten die Menschen durch den Tag, als es weder mechanische Uhren noch Smartphones gab.

In der später folgenden „Uhrzeitmoderne“ bekommt der Feierabend irdischen Charakter: Er markiert den zeitlichen Übergang zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit. „Feier“ und „Fest“ sind nicht mehr Ziel und Zweck des Feierabends. Je härter die industrielle Arbeitswelt, desto mehr wird der Feierabend für die Werktätigen zu einem gegenweltlichen Sehnsuchtsort, der das Bedürfnis nach intakter, rhythmischer Zeiterfahrung zu befriedigen weiß.

In der Gegenwart, der Spät- oder Postmoderne, ist Schluss mit dem Feierabend. Wie auch das Mittagsläuten, der Sendeschluss am Ende des Fernseh-abends und die Vesper, die Zwischenmahlzeit am Nachmittag, zählt der Feierabend heute zu den verloren gegangenen Zeitsignalen der Alltagsordnung.

Die mit dem Treibsand des Internet kämpfenden, hochflexiblen Zeitverdichter des beginnenden 21. Jahrhunderts wissen nichts mehr mit den Ordnungsprinzipien der natürlichen und kosmischen Rhythmen und nur wenig mit den Taktgebern der Industriemoderne anzufangen.

Der Feierabend stammt aus einer Zeit, in der man noch „abgeschaltet“ hat. Das ist heute nicht mehr üblich. Freie Wochenenden und Feierabende kennen daher viele jüngere Zeitgenossen nur noch aus Erzählungen ihrer Eltern. Der Unterschied zwischen Sonn- und Werktag, den die Generation „Smartphone“ zuweilen irrtümlich für eine Erfindung der Gewerkschaften hält, ist ihnen weitestgehend unbekannt.

Erkundigt man sich bei ihnen, wie sie ihre Feierabende verbringen, fragen sie sichtlich irritiert zurück: „Feierabend, was ist das?“ Und fragt man dann weiter, wie sie sich in dieser zeit-
offenen Welt fühlen, lautet die Antwort häufig „frei“ und „ungebunden“. Mag sein, dass es so ist. Man kann das aber auch anders sehen: Sein eigener Herr, das ist man heute nicht mehr. Niemals Feierabend, stets erreichbar, immer auf Abruf bereit, mehr als zuvor arbeitend – nicht selten auch noch un- oder unterbezahlt.

Der spätmoderne Alltagskult des Kapitalismus wird nicht mehr durch Sonnenauf- und Sonnenuntergänge strukturiert. Er kennt weder Arbeitsruhe noch Innehalten oder Pausen. Aus den traditionellen Rückzugsarealen in häuslichen Wohnzimmern sind so etwas wie Außenstellen von Firmen mit weltweit vernetzten Multi-media-Arbeitsplätzen geworden. Den Ort mit dem Ohrensessel und der Kuckucksuhr, an dem man die Distanz zur Arbeit genoss, hat jetzt ein nach ergonomischen Vorschriften optimierter Bürostuhl eingenommen, von dem aus die Dame des Hauses kurz vor Mitternacht noch ein paar Telefonate mit Kunden in den USA führt.

Traditionelle Zeitinstitutionen, die dem Dasein über lange Strecken eine feste Struktur sicherten, fallen den Dynamiken der Flexibilisierung zum Opfer. Dazu gehört neben dem arbeitsfreien Wochenende und dem einkaufsfreien Sonntag auch der einst „Feierabend“ genannte, tägliche Arbeitsabschluss. Stattdessen herrscht zunehmend das Konzept der „zeitoffenen Projektarbeit“. Die Abstimmungsleistungen zwischen den Anforderungen des Alltags und den Zeitbedürfnissen müssen die Einzelnen selbst erbringen. Auf dieses oftmals anstrengende, episodische und situationsflexible Agieren und Reagieren passt die Vokabel „Durchwursteln“. Das „Durchwursteln“ des „coolen“ Multimedianutzers unserer Tage geschieht in flexibler, mobiler, dezentraler und befristeter Art und Weise, immer in dem Bestreben, die individuellen Handlungsspielräume zu vergrößern. Als „Selbstfestlegung im Unbestimmten“ beschrieb der Soziologe Niklas Luhmann (1927 – 1998) diesen Zustand.

Immer weniger Institutionen entlasten von den Mühen, dem zeitlichen Dasein eine Gestalt zu verleihen, die Zeitfreude, Lebenszufriedenheit und zeitliches Wohlergehen garantiert. Ohne Feierabend jedoch ist das Zeitleben vom Glück so weit entfernt, wie das Leben einer Arbeitsbiene vom Hochzeitsflug einer Bienenkönigin.

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