Schönheit: Bitte dreimal täglich
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Schönheit: Bitte dreimal täglich

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Dr. phil. Christoph Quarch

Was schon die alten Griechen wussten, bestätigt die heutige Wissenschaft der therapeutischen Kommunikation: Kultur heilt. Warum sind die alten Kurorte so schön? Warum findet man dort wunderschöne Bauten, aufwendige Parkanlagen mit Musikmuschel, Wasserspielen, Kunstdenkmäler und dergleichen mehr?

Kultur gehört zu jeder guten Kur dazu. Weil Kultur und Schönheit heilend auf den Menschen wirken. Diese Einsicht ist nicht neu. Schon die alten Griechen wussten um diese Zusammenhänge. Davon kann man sich noch heute überzeugen, wenn man eines der antiken Heilheiligtümer wie z. B. Epidaurus auf der Peloponnes besucht. Dort findet man nicht nur einen dem Heilgott Asklepios geweihten Tempel, sondern wie selbstverständlich auch ein Theater. Nicht anders ist es in dem Heiligtum der Insel Kos, wo die einflussreiche Ärzteschule des Hippokrates zu Hause war – jenes wohl berühmtesten Arztes der Antike, der lehrte, dass vor Skalpell und Arznei stets das Therapeutikum des Wortes zu erproben sei. Was man in der Antike auch tatsächlich tat. So wird von einem gewissem Antiphon von Athen berichtet, er habe auf seine Praxistür geschrieben: „Ich kann mit Worten heilen.“ Und auch Sokrates behauptet in Platons Dialog Charmides an einer bemerkenswerten Stelle, er sehe sich in der Lage, einen jungen Mann mithilfe von „Sprüchen“ oder „Besprechungen“ von seinen Kopfschmerzen zu heilen.

Interessant daran ist freilich die Begründung, die Sokrates für sein überraschendes therapeutisches Programm anführt. Es ist so etwas wie der Ursprungstext der psychosomatischen Medizin. Gibt Sokrates darin doch zu verstehen, es sei „vergebens, den Leib ohne die Seele heilen zu wollen“. Und er begründet dies wie folgt: „Solange es ums Ganze nicht gut bestellt ist, ist es unmöglich, dass es den einzelnen Teilen gut geht. Alles nämlich, was dem Leib und dem ganzen Menschen wohltut, ebenso wie alles, was ihm schadet, hat seinen Ursprung in der Seele und strömt ihm von dorther zu.“ Jenen Ursprung, die Seele, also müsse man „zuerst und am sorgfältigsten behandeln, ganz gleich ob es um den Kopf oder um den ganzen Leib gut stehen solle.“

Die Seele wird durch schöne Reden geheilt

Die Behandlung der Seele aber, so Sokrates, erfordert ganz andere therapeutische Maßnahmen als die des Leibes: „Die Seele wird durch bestimmte Sprüche oder Besprechungen geheilt, und diese Besprechungen sind schöne Reden. Denn durch schöne Reden entsteht in den Seelen Besonnenheit, und wenn diese erst entstanden ist, dann ist es auch ein leichtes, den Kopf und den übrigen Leib gesunden zu lassen.“

Es ist bemerkenswert, in welchem Maß Sokrates hier dem vorgreift, was in der modernen Medizin unter der Überschrift „therapeutische Kommunikation“ erforscht wird. Einer, der sich auf diesem Feld besonders hervortut, ist Professor Hartmut Schröder von der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder. Seit langem erforscht er die heilende Kraft von Sprache und Kultur. Dabei, so sagt er, sei ihm immer deutlicher geworden, von welch gro­ßer Bedeutung die Sprache für das Heilungsgeschehen sei. Man müsse zwar nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber es sei wichtig, sich dessen bewusst zu sein, „dass man mit nur einem Wort einen Menschen in einen völlig anderen Zustand versetzen kann – im Guten wie im Bösen“. Die Sprache, so seine Überzeugung, wird als Therapeutikum weitgehend unterschätzt.

Nicht anders verhält es sich mit anderen scheinbar „weichen“ kulturellen Einflüssen. Schröder verweist dafür auf Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten, laut derer es für die Heilungschancen eines Patienten ungleich besser ist, wenn er beim Blick aus dem Fenster in die Natur schaut und nicht auf eine Betonwand starren muss. Woraus man schließen könne, dass Raumgestaltung, Ambiente und kulturelle Prägung eines Ortes für das Heilungsgeschehen von hoher Relevanz seien. Hinzu kommen nach seiner Erfahrung soziale Faktoren, die ebenso unterstützend – oder, was leider auch geschieht, hemmend – auf die Heilung einwirken können.

„Der Mensch ist ein Beziehungswesen“, so Schröder, „und deshalb ist es kein Wunder, dass sich nicht nur seine Psyche im Gegenüber zur Welt formt, sondern auch seine physische Verfassung durch seine Beziehungen geprägt ist.“ Die Art und Weise, wie Menschen mit ihrer Umwelt kommunizieren und interagieren, ist aber wesentlich durch die Kultur geprägt, der er angehört und die er auf sich wirken lässt. Deshalb hat Schröder die „Kulturheilkunde“ als neuen Zweig der Medizin begründet.

Das mag in manchen traditionalistisch-wissenschaftsgläubigen Ohren nach Magie und Esoterik klingen, hat damit aber herzlich wenig zu tun. Tatsächlich scheinen es selbst hartgesottene Naturwissenschaftler nicht länger von der Hand zu weisen, dass kulturelle Einflüsse heilen können. Neurophysiologie und Psychoneuroimmunologie haben in den letzten Jahren Erkenntnisse zutage gefördert, die darauf hinweisen, dass Sprache ein hochgradig wirkungsvolles Therapeutikum sein kann. Nicht nur zeigen statistische Erhebungen, dass eine gelungene Kommunikation von Arzt und Patient Heilungsverläufe beschleunigen kann. Auch lehrt die Hirnforschung, warum das so ist: Das Gehirn trennt nicht zwischen Imagination und Wirklichkeit, sodass sprachlich vermittelte und nur suggestiv vorgestellte Inhalte Wirklichkeit erzeugen können. Was lange als „Placebo“ abgetan wurde, wird nun in seiner Wirksamkeit erklärbar.

Noch mehr Evidenz ergibt sich aus der sogenannten Nocebo-Forschung. Sie zeigt auf beinahe erschütternde Weise, in welchem Maße Worte auf den menschlichen Organismus einzuwirken vermögen. So ist durch Versuche gut dokumentiert, dass Probanden nach der Lektüre der Nebenwirkungen auf Beipackzetteln von Medikamenten genau die dort beschriebenen Symptome zeigten – selbst dann, wenn sie wirkungslose Placebos verabreicht bekamen. Wenn bloße Worte verletzen und krank machen können – warum soll ihnen dann nicht ebenso die Kraft zu heilen innewohnen? Das Gleiche gilt für andere kulturelle Einflüsse wie Musik, Kunst und Architektur. Allerdings passt dies nicht in das bestehende wissenschaftliche Paradigma der Medizin. Aber dieses Paradigma könnte unterkomplex und deshalb nicht in der Lage sein, das Geheimnis des menschlichen Leibes und seiner Gesundheit wirklich zu ergründen.

Dass es sich genauso verhält, meinte schon vor zwanzig Jahren der bedeutende Philosoph Hans-Georg Gadamer – ein Denker, der sich Zeit seines Lebens mit den geistigen Grundlagen der Medizin befasste. Ihm unterstellte man allein deshalb eine gewisse Kompetenz in Gesundheitsfragen, weil er es auf ein stattliches Alter von 102 Lebensjahren brachte. Als er schon weit in den Neunzigern war, erschien von ihm ein kleines Büchlein mit dem Titel „Über die Verborgenheit der Gesundheit“. Dieser Titel war Programm, geht es dem Philosophen doch darum zu zeigen, dass Gesundheit dasjenige ist, was immer dann besteht, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind. Fangen wir damit an, über unsere Gesundheit nachzusinnen, ist das fast immer ein Symptom dafür, dass sie gestört oder gefährdet ist.

Das verrät etwas vom Geheimnis der Gesundheit. Sie ist so etwas wie die Reibungslosigkeit von Leib und Seele. Sie ist der Zustand eines stimmigen und harmonischen Zusammenspiels der Funktionen und Organe unseres Leibes. Und eben deshalb ist es heilsam, wenn sie sich mit Harmonie und Stimmigkeit umgeben kann – wenn sie sich von Schönheit nährt. Schönheit ist so gesehen nichts anderes als eine Stimmgabel der Seele und des Organismus.

So hatten es schon die alten griechischen Ärzte gesehen – und es spricht vieles dafür, dass ihr ganzheitlicher und systemischer Ansatz zutrifft, auch wenn er vom wissenschaftlichen Paradigma der Neuzeit verdrängt, ja als unwissenschaftlich bekämpft wurde. Denn das Gleichgewicht, die Stimmigkeit von Leib und Leben, lässt sich nicht nach objektiven Standardwerten wissenschaftlich messen – und erst recht nicht herstellen. Heilkunst im antiken Sinn ist keine Technik, die objektivierbare und normierbare Körperzustände produzieren könnte, sondern die Kunst, den Leib mit allen Mitteln – von Sprache über Musik und Kunst bis zu Nahrung und Pharmazeutika – darin zu unterstützen, sich kraft seiner immunologischen Selbstheilungskräfte wieder auf sein höchst eigenes und individuelles Gleichgewicht einzustimmen. „Das ist der Grund“, notierte Gadamer, „warum das Eingreifen des Arztes nicht eigentlich als Machen oder Bewirken von etwas zu verstehen ist, sondern in erster Linie als Stärken der das Gleichgewicht stärkenden Faktoren.“

Gesundheit benötigt Balance im Körper

Womit wir wieder bei der Bedeutung von Sprache und Kultur für das Heilungsgeschehen wären. Aus der Perspektive eines umfassenderen und ganzheitlichen Menschenbildes und Medizinverständnisses ist es nur naheliegend, auf kulturelle Faktoren großes Augenmerk zu legen. Eben weil der menschliche Leib nicht nur eine optimierbare Apparatur ist, die durch gezielte technische Intervention repariert werden kann; sondern weil der Mensch ein komplexes Wesen ist, bei dem physische und psychische Faktoren unauflöslich miteinander interagieren und Gesundheit nur dann geschieht, wenn wir als Ganzes im Gleichgewicht sind.

Es könnte also sein, dass sich bald die Prophezeiung erfüllen wird, die Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren aussprach: „Es wird der Tag kommen, wo die Menschen erkennen, dass ihre Krankheiten mit ihren Gedanken und Gefühlen zusammenhängen.“ Ein Satz, der die Essenz der psychosomatischen Medizin vorwegnimmt, die im 20. Jahrhundert Epoche machte – ein Satz aber auch, der Brücken baut zwischen den griechischen Begründern unserer europäischen Medizin über die von Hartmut Schröder propagierte Kulturheilkunde hin zu einer zukünftigen Heilkunst, von der der US-amerikanische Autor Ralph Waldo Trine schon am Ende des 19. Jahrhunderts orakelte: „Die Zeit wird kommen, wo die Tätigkeit des Arztes nicht darin bestehen wird, den Körper zu behandeln, sondern den Geist zu heilen, der dann seinerseits den Körper heilen wird. Mit anderen Worten, der rechte Arzt wird ein Philosoph und Lehrer sein und seine Sorge wird es sein, den Menschen gesund zu erhalten und nicht erst wenn er krank geworden ist seine Heilung zu versuchen.“ Es könnte sein, dass auf die Philosophen künftig neue Arbeit zukommt – und dass die Kurorte wieder zu Zentren des Denkens und des Geistes werden.