Vertrauen in das menschliche Potenzial
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Bewusstsein

Vertrauen in das menschliche Potenzial

Dr. phil. Christoph Quarch

Wir alle sehnen uns nach Optimismus und wollen zuversichtlich in die Zukunft schauen. Was läge näher als dem Dalai Lama zuzustimmen, wenn er sagt, nichts sei für unser Fortkommen so wichtig wie Optimismus. Und umgekehrt darf Kopfschütteln erwarten, wer mit Flaubert behaupten möchte, dass „Optimist“ ein „anderes Wort für Dummkopf“ ist.

Wenn Krisen über uns hereinbrechen, wenn Kriegsgeschrei die Welt erfüllt, wenn wir um unseren Wohlstand bangen, wenn sich die Dinge schneller ändern, als wir denken können, neigt der Mensch dazu, ein Pessimist zu sein – und sehnt sich gerade dann umso glühender nach Optimismus. In solchen Zeiten fällt es vielen schwer, daran zu glauben, dass sich alles noch zum Guten wandelt. Die Zeit, in der wir leben, macht es einem leicht, ein Pessimist zu sein. Doch zeigt man sich als solcher, wird man wenig Freunde finden. Die Menge dürstet nach dem Gegenteil.

Wen Sorgen ob der Digitalisierung plagen, stößt auf wenig Gegenliebe, während jedem, der das Heil der Menschheit in Robotik und Computertechnik predigt, der Applaus der Dürstenden gewiss ist. Und wer mit Schelling, Hegel oder auch Ken Wilber den Weltgeist auf dem graden Weg ins Paradies vermutet, darf eher mit Gefolgschaft rechnen als ein Jünger Oswald Spenglers, der einst den Untergang des Abendlands verhieß.

Es ist nicht unnütz, diese Dia-lektik zu durchdenken. Es schützt davor, zu rasch und unbedacht der Sehnsucht nach dem Optimismus zu erliegen. Das ist gefährlich, denn es verleitet dazu, sich dem aktuellen Trend zum Postfaktischen anzuschließen: Man blendet die Fakten aus und schafft sich eine Welt, so wie sie einem gefällt und die einem als wahr erscheint, weil sie den eigenen Wünschen und Interessen Rechnung trägt. Wer solches tut, sieht die Welt durch rosa Brillengläser, und man rühmt ihn als Optimisten. In Wahrheit aber sitzt er Illusionen auf.

Die Frage ist, ob es in unserer Gegenwart auch dann Grund gibt, optimistisch in die Zukunft zu schauen, wenn man sich der Realität stellt: der Realität des Klimawandels, der digitalen Diktatur der Märkte, globaler Flüchtlingsströme, des Hungers, eines neuen Faschismus an den Grenzen Europas sowie eines Niedergangs kultureller Schaffenskraft in der westlichen Welt. Die Antwort lautet: Nein. Wenn all diese Trends sich fortsetzen, dann gibt es keinen Grund zum Optimismus.

Wer heute Optimist sein möchte, muss aus anderen Quellen schöpfen. Wo diese Quellen liegen können, vermittelt der Philosoph Martin Heidegger. Als man ihn 1966 fragte, ob er einen Ausweg aus den Gefahren des Atomzeitalters wisse, sagte er: „Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Aus diesen Worten spricht ein tiefer Optimismus, der darauf baut, dass immer alles anders werden kann – ein echter Optimismus, der auf die Kraft des Geistes baut, und nicht aus einer selbstgewissen, stolzen Hybris meint, mit Technik, Strategie und Willenskraft die Welt zum Guten zu verwandeln; der radikal mit einem neuen Anfang rechnet, der nicht gemacht wird, sondern der uns widerfährt, den wir jedoch nicht aus eigener Kraft erzwingen können.

„Es ruht noch manches im Schoß der Zeit, was zur Geburt will“, sagte einst William Shakespeare – und legte mit diesem Wort das Fundament für jeden echten Optimismus, der darauf baut, dass Menschen in sich Potenziale tragen, die noch lange nicht entfaltet sind. Optimistisch darf man sein, wenn man den Menschen als Homo ludens, als spielenden Menschen sieht, der ob seiner Begeisterungsfähigkeit, Kreativität und schöpferischen Leidenschaft die Kraft zu einem radikalen Wandel findet.

Mit herkömmlichem Optimismus hat das nicht viel zu tun. Eher mit Vertrauen in das Potenzial des Menschen. Von daher spricht manches dafür, dem alten Nietzsche beizupflichten, der sagte: „Weg mit den bis zum Überdruss verbrauchten Wörtern Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt von Tag zu Tage mehr: nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so unumgänglich nötig.“