Zeit und Uhr sind nicht das Gleiche
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Bewusstsein

Zeit und Uhr sind nicht das Gleiche

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Prof. Dr. rer. pol. Karlheinz A. Geißler

Unser Verständnis von Zeit ist sehr vom Bild der allgegenwärtigen Uhren geprägt. Dabei ist die Uhr nicht gleichbedeutend mit Zeit. Und bei der zweimal jährlich stattfindenden sogenannten „Zeitumstellung“ wird nur an den Uhrzeigern gedreht. Die Zeiten ändern sich dadurch nicht. Wer sie umstellen will, muss sich mit der Natur anlegen.

Seit es mechanische Uhren gibt, bestimmt nicht mehr ausschließlich die Naturzeit unser Leben. Von da an muss man sich entscheiden, welchen Zeitsignalen man gehorcht. Die Spannung zwischen Erwartungen, Verpflichtungen, Normen und Regeln, die die Uhrzeit uns aufdrängt, und die zeitlichen Anforderungen der inneren und äußeren Natur verlangen von uns einen fortwährenden Spagat.

Naturzeit und Uhrzeit unterscheiden sich fundamental. Erstere sorgt dafür, dass alles eine jeweils eigene Zeit hat. Die neutrale Uhrzeit hingegen ist überall und für alle gleich. Sie verstreicht unabhängig von äußeren Einflüssen und körperlichen Abläufen. Nur über die Naturzeit erfahren wir etwas über das Wetter, die Jahreszeit, Himmelsereignisse und unsere aktuelle Müdigkeit.

Gegen Ende des Mittelalters fand der Zeitenwechsel statt. Gab bis dahin die Natur die Regeln fürs Leben und Arbeiten vor, wurde nun mit Blick auf die Uhr bestimmt, wer was mit wem zu welcher Zeit macht. Quantitatives Zeitdenken und -handeln traten anstelle qualitativer Zeiterfahrung. Der zeitliche Handlungsspielraum wurde in ein starres Schema gepresst. Die Naturzeit liegt unserem Wahrnehmen, Empfinden und Handeln zugrunde, die Uhrzeit verspricht Güter- und Geldwohlstand. Die tägliche Herausforderung besteht darin, einen Kompromiss zwischen beidem zu finden. Die zentrale Frage lautet daher: Wie viel Geld- und Güterwohlstand ist mir wichtig und wie viel Zeitwohlstand und selbstbestimmte Zeit benötige ich?

Nimmt man es genau, misst die Uhr gar keine Zeit, sondern simuliert die Erdrotation. Es ist die aktuelle Stellung der Erde zur Sonne, die von der Uhr angezeigt und uns als Zeit „verkauft“ wird. Eine Uhr kann stehen bleiben, doch die Erde dreht sich weiter.

Uhren funktionieren unabhängig von Einflüssen der Umwelt. Sämtliche Uhrzeiten sind weltweit gleich und verhalten sich gegenüber allem, was geschieht, gleichgültig. Die Uhr liefert einen festen Zeitmaßstab, der wiederum Verabredungen und die Koordination von unterschiedlichen Abläufen ermöglicht. Das Problematische an der Uhr ist nicht, dass sie vieles vereinfacht und ausblendet, dass ihre Zeit inhaltsleer ist. Problematisch wird es erst, wenn die Menschen das alles für das einzig wahre Sein, das „Wesen“ der Zeit halten.

Die Uhr ist ein Messgerät, aber keine Instanz, die einem sagt, wie man mit der Zeit umzugehen hat. Da, wo Zeit mit Geld verrechnet wird, in der Wirtschaft, hat die Uhr als Zeitmessgerät einen sinnvollen Platz. Sie schafft die Möglichkeit, Ordnung zu machen.

Das Ordnungsmittel „Uhr“ trennt die Zeit vom menschlichen Erleben, macht diese zur Zahl und erlaubt es so, mehrere unterschiedliche Vorgänge völlig unabhängig von ihren Qualitäten ordentlich zu synchronisieren, zu kalkulieren und zu kontrollieren. Die Uhr sperrt die Zeit in ein von Menschen gemachtes System.

Schon lange ist die Uhr nicht nur ein Zeitmessgerät, sondern eine moralische Instanz. Nur weil es Uhren gibt, sehen wir uns gezwungen, uns zu entschuldigen oder nach einer Ausrede zu suchen, wenn wir uns zu einer Verabredung verspäten. Nur weil es die Uhr gibt, kommen wir in einer bestimmten Form miteinander in Kontakt bzw. vermeiden ihn.

Mit Uhren und Terminkalendern beherrschen und formatieren wir unser individuelles und soziales Verhalten, unsere Bedürfnisse, Erlebnisse und Erfahrungen. Die Uhr hat der Zeit und somit auch den Menschen Handschellen angelegt. Sie brachte uns zwar materiellen Wohlstand, aber nicht mehr Zeitwohlstand. Der routinemäßige Blick auf die Uhr hat die Menschen davon entfremdet, ihre Leidenschaften zu berücksichtigen. In der heutigen Zeit brauchen wir also beides: Die Natur und ihre Signale, um zufriedenstellende und gesund­erhaltende Zeiterfahrungen zu machen, aber auch die Uhr, um die Zeit in Teile zu zerlegen und zu messen.

Wer über Zeitnot klagt, leidet häufig nicht an zu wenig Zeit, sondern an zu vielen nicht zufriedenstellenden Zeiterfahrungen. Mit der Zeit in Frieden leben kann man nur, wenn man die Uhr ab und zu ignoriert.

Schauen Sie also nicht auf die messbare Zeitdauer, schauen Sie auf die Qualitäten der Zeit. Fragen Sie nicht, wie viel Minuten etwas gedauert hat, sondern wie angenehm oder zufriedenstellend etwas war. Fragen Sie, was man in der Zeit erlebt bzw. erfahren hat. Es geht um Zeitqualität, denn nur die entscheidet darüber, ob man Zeit sinnvoll verbracht hat. Motivation, Leistungsbereitschaft und Engagement sind abhängig von den qualitativen Erfahrungen der Zeit.