Der kleine Bruder des Fremdschämens

Der kleine Bruder des Fremdschämens

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der moderne Mensch hat Stress. Im Beruf, mit der Familie und sogar in der Freizeit. Aus der Forschung wissen wir: Anhaltender Stress macht krank – selbst wenn es sich um positiven handelt.

Als ich jüngst das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth besichtige und erfahre, dass Bauherrin Wilhelmine von Preußen (1709 – 1758) das Bauprojekt nur vier Jahre nach dem Kauf des Grundstücks 1744 mit Hilfe eines italienischen Architekten fertigstellt hat, bin ich schwer beeindruckt. Im Inneren rein aus Holz gebaut, drumherum ein mächtiges Sandsteinge-bäude, gehört das Opernhaus heute zum Weltkulturerbe. Entstanden in äußerst überschaubarer Zeitspanne.

Ich gebe mich einem Gedankenspiel hin und überlege, wie ein solches Projekt in unserer stressigen, von Widersprüchen und Extremen geprägten heutigen Zeit ablaufen würde.

Nehmen wir an, in einer großen Stadt würde eine „Pro-Opernhaus”-Initiative gegründet: Sofort stünden Gegner auf dem Plan und würden von „Größenwahn“ und „nutzlosem Prestigeobjekt“ sprechen. Diese Diskussion erstreckt sich über Jahre – bis das Unterfangen immer mehr prominente Befürworter findet. Schließlich wird ein Architektenwettbewerb ausgelobt.

Der Siegerentwurf ist umstritten. Internationale Star-Architekten bezeichnen ihn als einfallslose, typisch deutsche Kistenarchitektur ohne jede Ausstrahlung und als Ausdruck von Kleinmut. Die Pro-Seite hingegen argumentiert, dass die Pläne gewollt zurückhaltend gestaltet seien – eben angemessen „angesichts der deutschen Vergangenheit”. Ein international tätiger Baukonzern gewinnt die Ausschreibung. Juristen stellen aber einen Formfehler derselben fest, also muss das ganze Verfahren in jedem Fall wiederholt werden. Weitere Jahre gehen ins Land. Schließlich übernimmt die Stadtverwaltung die Bauaufsicht. Nach Fertigstellung des Rohbaus stellen Gutachter Risse in den Fundamenten fest. Sicherheitstechniker monieren mangelhafte Fluchtwege und weitere Verstöße gegen „Baunormen“. Forderungen nach Einsetzen einer Expertenkommission werden laut. Sie soll u. a. aus Vertretern von Sozialverbänden, Kirchen, Ethikern, Gewerkschaften, Genderbeauftragten und anderen Experten bestehen … Schließlich werden Nachbesserungen gefordert. Ohne Rücksprache mit dem leitenden Architekten werden Zwischendecken eingezogen und das Fundament verstärkt. Der Architekt, ein international anerkannter Mann seines Fachs, strengt daraufhin einen Rechtsstreit mit der Begründung an, man habe aus seinem großzügigen Entwurf ein Gebäude mit „Aldi-Markt-Atmosphäre“ geschaffen. Trotzdem wird der Bau schließlich fertiggestellt. Die Baukosten betragen rund das Zehnfache der ursprünglichen Planung. Seit den ersten Ideen sind 25 Jahre vergangen. Die Tagesschau meldet: „Der Bundespräsident konnte an der feierlichen Eröffnung des umstrittenen Baus nicht teilnehmen.“ Wegen eines Defekts am Regierungsflieger war er zu spät von einer Auslandsreise zurückgekehrt …

Klar, in meinem Szenario schwingt reichlich Häme mit. Parallelen z. B. zum Berliner Hauptbahnhof, Stadtschloss, Flughafen BER sind nicht unbeabsichtigt. Fakt ist: Wir sind heutzutage nicht nur vielerorts dem Fremdschämen ausgesetzt. Sondern machen auch immer öfter Bekanntschaft mit dessen „kleinem Bruder“: dem nervenaufreibenden Fremdstress.

Entspannte Grüße,

Dr. med. Rainer Matejka