Egel-Journalismus

Egel-Journalismus

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Liebe Leserin, lieber Leser,

vor kurzem wurde im Deutschen Ärzteblatt eine Studie über die Wirksamkeit der Blutegeltherapie bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken veröffentlicht. Sicher. Es mag faszinierendere medizinische Themen geben. Aber immerhin fanden die Autoren deutliche Hinweise für die Effektivität der Behandlungsmethode für eben diese Indikation. Wäre die Studie von schlechter Qualität gewesen, hätte sie es bestimmt nicht in die Standardfachzeitung aller deutschen Ärzte geschafft.

Gleichwohl rief dies nicht etwa empörte Kliniker oder Vertreter der Pharmaindustrie auf den Plan, sondern einige „Wissenschaftsjournalisten“.

In einem bekannten deutschen Nachrichtenmagazin beklagt eine Journalistin, es sei der Naturheilkunde gelungen, „[…] sich mit einer weiteren schlechten Studie die Aura der Seriosität zu verleihen. Langfristig wird sie sich so aber nicht von Quacksalbereien abgrenzen können“.

Dies sei nur durch „qualitativ hochwertige Therapiestudien“ möglich. Mal abgesehen davon, dass diese derart kostenintensiv sind, und daher nur von finanzstarken Unternehmen oder durch staatliche Grundlagenforschung geleistet werden können, liefert selbst eine solche Studie keinen absoluten Beweis dafür, dass ein Behandlungsverfahren im Einzelfall immer wirkt und gut verträglich ist. Sonst brächten solche Studien ja durchweg Ergebnisse zutage, die von nun an bis in alle Ewigkeit gültig sind.

Wer an so etwas glaubt, sollte sich die zum Teil widersprüchlichen Ergebnisse verschiedener „gut gemachter“ Studien ansehen. Letztendlich kann eine Studie nur maximal die Hälfte an Erkenntnissen liefern. Die anderen 50 Prozent, die wirklich Aussagekraft besitzen, kommen in der Medizin immer durch die Erprobung in Praxis und Realität, also am Patienten zustande. Und diese Erfahrungen wollen mitunter so gar nicht zu den Studienergebnissen passen …

Insofern besteht auch kein Grund, wie in dem erwähnten Artikel geschehen, naturheilkundliche Behandlungsmethoden mit „[…] so lustigen Dingen wie Krautwickeln, Heilpilzen oder Wasserkuren […]“ zu assoziieren und sich über die „Apologeten nachweislich unwirksamer Methoden wie der Homöopathie“ aufzuregen.

Wie im letzten Geleitwort (Januar-Naturarzt 2019) ausgeführt, stellen die Verfahren der klassischen Säulen der Naturheilkunde – Ernährungs- und Bewegungstherapie als Basis einer Lebensstiländerung – die Voraussetzung dar, um die inzwischen epidemisch auftretenden Zivilisationskrankheiten ursächlich zu behandeln bzw. von vornherein zu verhindern.

Manche Wissenschaftsjournalisten scheinen eine bedenklich unkritische Nähe zu den Wissenschaftlern bzw. „evidenzbasierten“ Verfahren zu haben.

Wichtig ist offenbar, dass die dargestellten Sachverhalte besonders faszinierend und kompliziert klingen. Wenn es um medizinische Themen geht, liegt das Problem sicher auch daran, dass den meisten Journalisten eines fehlt: Praxis­erfahrung und Realitätsbezug.

Das zitierte Nachrichtenmagazin musste sich kürzlich übrigens erklären, weil es über Jahre einen Fake-Journalisten beschäftigt hat, der außerdem im Verdacht steht, Spendengelder veruntreut zu haben. Der für seine Reportage ausgezeichnete Schreiberling hatte sich selbige nun ausgedacht – ohne vor Ort Fakten recherchiert oder gesammelt zu haben. So viel zum Thema „evidenzbasiert“ …

Dr. med. Rainer Matejka