In dubio contra Alkohol

In dubio contra Alkohol

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Liebe Leserin, lieber Leser,

vor kurzem wurde in diversen Medien eine Gesundheitsstudie der privaten Deutschen Krankenversicherung (DKV) als erste Meldung zitiert. Ihr zufolge leben „die Deutschen“ zunehmend ungesund. Wie immer geht es dabei um drei Problemfaktoren: Bewegungsmangel, Fehlernährung und Genussmittelkonsum. Angeblich habe sich die Situation, verglichen mit der Lage vor ein paar Jahren, erheblich verschlechtert. Schaut man sich jedoch die Methodik der Untersuchung an, kommen einem Zweifel an der Aussagekraft: Es handelte sich nämlich um eine „Befragung“, also eine Datenerhebung mit sehr eingeschränktem wissenschaftlichen Aussagewert. Bei derartigen Erhebungen sieht man sich nicht selten mit Patientenantworten wie „Ich trinke keinen Alkohol, nur Bier…“ konfrontiert. In der Gesundheitslandschaft werden seit Jahren immer wieder unbewiesene Behauptungen kolportiert. Beispielsweise soll angeblich jedes dritte Schulkind übergewichtig sein, manchmal ist sogar von jedem zweiten die Rede, wieder andere sprechen nur von jedem sechsten oder zehnten. Wann immer ich Kinder auf dem Weg zur Schule sehe, glaube ich nicht einmal das… Nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Schüler scheint – neben dem Ranzen – ein Zuviel an Kilos zu schleppen. Doch zurück zur Gesundheitssituation: Eine aktuelle internationale Studie gibt der deutschen Bevölkerung in der Tat schlechte Noten. Das Land belegt nur Platz 19 von 20 untersuchten Industrieländern. Verbreitetes Übergewicht und ungewöhnlich viele Herztodesfälle, vor allem bei Männern, sind die Gründe für diese grottenschlechte Platzierung. Möglicherweise erliegen überdurchschnittlich viele Deutsche Herzerkrankungen, weil die entsprechenden Risikofaktoren nicht ernst genug genommen werden. Gerade Bluthochdruck, der oft keine subjektiven Beschwerden macht, wird seiner Tragweite häufig unterschätzt.

Beim Thema „Alkohol“ betonten Ärzte aus dem Bereich der Präventologie, den Nutzwert eines „moderaten“ Alkoholkonsums zur Vorbeugung von Herzinfarkten. Tatsächlich hatten sogenannte Metaanalysen in der Vergangenheit gezeigt, dass ein zwei- bis viermaliger wöchentlicher Konsum von einem Glas Wein (oder Bier oder Schnaps!!) die Zahl tödlicher Herzinfarkte und auch die „Gesamtsterblichkeit“ statistisch relevant reduziere. Doch genau an dieser Stelle kommt nun Gegenwind von der University of Washington in Seattle. Auch dort hat man eine Metaanalyse durchgeführt und 694 Studien über Alkoholkonsum und 592 Studien aus aller Welt über Gesundheitsrisiken durch den Genuss von Alkohol ausgewertet. Ziel war es, ein medizinisches Gesamtbild über die Auswirkungen von Alkohol zu zeichnen. Dabei zeigte sich, dass gerade bei schon bestehenden Risikofaktoren, bereits moderater Konsum ungünstige Effekte entfalten kann. In einer Studiengruppe der 15- bis 49-Jährigen kam es zu einem Anstieg der Todesfälle durch Verkehrsunfälle, Tuberkulose und Selbstverletzungen. Bei den über 50-Jährigen war eine Zunahme der Krebstodesfälle zu verzeichnen. Bedrückend die Aussage einer der beteiligten Forscher, wonach jeder Schluck Alkohol einen dem Onkologen näherbringe … 2,2 % der Todesfälle bei Frauen und 6,8 % bei Männern im Zusammenhang mit Alkoholkonsum stehen. Pro oder contra Alkohol? Eine Orientierung kann hier nur der Allgemeinzustand des Patienten geben. Im Zweifelsfall hält man sich mit Empfehlungen besser zurück. Gleichwohl muss Alkohol deshalb nicht völlig verteufelt werden. Schließlich müssten die Mittelmeerländer, bei denen der Weingenuss zur Tradition gehört, sonst in puncto Gesundheit deutlich schlechter abschneiden, als es der Fall ist.

Dr. med. Rainer Matejka