Zu viel des Guten: Weniger ist mehr!

Zu viel des Guten: Weniger ist mehr!

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Liebe Leserin, lieber Leser,

die Einschätzung unseres Gesundheitswesens als ein „Kuddelmuddel“ von Unter-, Über- und Fehlversorgung halte ich für zutreffend. Jüngst führte ein Fachartikel exemplarische Fälle auf, die zeigen, wie ungünstig sich eine Überversorgung auswirken kann. Angesprochen wird hier unter anderem die Versorgung mit Neuroleptika (Präparate, die bei psychiatrischen Krankheitsbildern eingesetzt werden) in der Palliativmedizin. Die verbreiteten Substanzen Haloperidol und Risperidon sollen Symptome eher verstärken und sogar die Sterblichkeit erhöhen.

Der Wirkstoff Pregabalin, auch unter dem Handelsnamen Lyrica® bekannt, wird – obwohl dies nicht angezeigt ist – bei Rückenschmerzen verordnet. Die Nebenwirkungen sind erheblich, wie der Autor des Beitrags resümiert. Benommenheit? Ja! Schmerzlinderung? Fehlanzeige!

Moniert wird auch die ausufernde kardiologische Diagnostik – ohne klare klinische Symptome. Ein sich gesund fühlender Mensch mittleren Lebensalters, der weder Risikofaktoren noch eine erbliche Belastung, geschweige denn subjektive Herzbeschwerden aufweist, muss keiner eingehenden kardiologischen Diagnostik zugeführt werden, heißt es. Der Verfasser hält nicht einmal ein Ruhe-EKG für sinnvoll. (In diesem Punkt bin ich anderer Meinung: Eine derartige „Bestandsaufnahme“ kann sehr wohl Sinn machen, um eventuelle Ereignisse später zeitlich besser ein- und zuordnen zu können. Bei fehlenden Vorbefunden ist das schwer möglich.)

Eine Untersuchung auf das Enzym Troponin, das einen Herzinfarkt anzeigen kann, soll reihenweise falsch-positive Ergebnisse liefern. In der Folge wird bei Patienten ein Infarktgeschehen diagnostiziert, ohne dass sich die charakteristischen Veränderungen im EKG finden. Offenbar können etliche Aspekte den Troponin-Wert beeinflussen.

Ein weiteres Problem führt der Artikel mit dem unkritischen Einsatz von Antibiotika an. Viele diesbezügliche Empfehlungen stammen aus den 1950er Jahren, zum Beispiel der Rat, man müsse eine Mandelentzündung antibiotisch behandeln, um ein rheumatisches Fieber zu verhindern. Auch bei der Mittelohrentzündung besteht keine moderne Behandlungsgrundlage für die routinemäßige Gabe von Antibiotika. Ein Fachmann spricht ferner vom „Mythos der Resistenzentwicklung“ angesichts der Behauptung, man müsse das Medikament „durchnehmen“, am besten eine Woche oder noch länger. Diese These ist nicht haltbar. Resistenzen züchtet man vor allem durch den hemmungslosen und nicht indizierten Gebrauch von Antibiotika, etwa bei Virusinfekten, die heute den Löwenanteil der Infekte ausmachen.

Erfreulicherweise werden bestimmte Dinge aufgrund moderner Daten nicht mehr so häufig durchgeführt: Die Gelenkspülung mit „Knorpelglättung” bei Kniegelenksproblemen und Verdacht auf Arthrose hat sich in Studien nicht bewährt. Auch die einst exorbitant hohe Zahl an Schulteroperationen sinkt: Allein in den Niederlanden ist sie signifikant zurückgegangen, nachdem die Autoren moderner Studien große Zweifel an der Sinnhaftigkeit äußerten. „Nil nocere”, „nicht schaden“ ist ein Urprinzip der Medizin. Gesundheit entsteht oft durch „weglassen“, und indem der Körper mehr Chancen zur Selbstheilung bekommt.

Mit maßvollen Grüßen

Dr. med. Rainer Matejka