Zuckersüße Panikmache

Zuckersüße Panikmache

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Liebe Leserin, lieber Leser,

vor nicht allzu langer Zeit hatte ich an dieser Stelle von der Modeerscheinung ständig wechselnder Labornormen berichtet. Eine zweifelhafte Flexibilität, stiftet sie doch Verwirrung bei Medizinern wie Patienten. Von der Anpassung sind Schilddrüsenwerte wie Mineralstoffe betroffen. Aber auch der Langzeit-Zucker HbA1c ist nicht verschont geblieben. Der Prozentwert, der neben dem Blutzucker-Belastungstest als maßgeblich für die Diagnose eines Diabetes dient, galt vor einigen Jahren bis zu 5,8 % als unauffällig. Schließlich wurde die Grenzmarke auf 6,1 % angehoben, von einigen Laboren sogar noch weiter. Zuletzt folgte eine erneute Absenkung auf 5,7 %. Wenn man bedenkt, dass die Mehrzahl der gesunden Patienten einen Wert im mittleren 5er-Bereich aufweist, ergibt sich die logische Konsequenz gesenkter Laborparameter wie von selbst: Je niedriger die angesetzte Norm, desto mehr Patienten, die sich mit dem Stempel „Diabetiker“ versehen lassen. Aus medizinischer Sicht völliger Unfug. Zumal man seit einiger Zeit weiß, dass leicht erhöhte Blutzuckerwerte bei Typ-2-Diabetikern – entgegen früherer Behauptungen – nicht mit einem gravierenden Risiko einhergehen müssen. Und schon gar nicht stellen sie einen Grund für die Behandlung mit Antidiabetika und Insulin dar.

Nun wurde das Hin und Her der Grenzwerte in einer medizinischen Fachzeitschrift aufgegriffen und kritisch beleuchtet. Das Erstaunliche daran: Auch internationale Fachgesellschaften sind sich nicht einig darüber, ab wann die „Marke der Unbedenklichkeit“ überschritten ist. Die American Diabetes Association (ADA) stuft Werte über 6,5 % als krankhaft ein, ebenso einen Nüchtern-Blutzucker über 126 oder einen Blutzuckerwert über 200 mg% zwei Stunden nach Zufuhr einer definierten Zuckermenge. Übersteigt nur einer dieser Werte die Grenzen, sollte nach einigen Wochen ein Bestätigungstest durchgeführt werden.

Die Deutsche Diabetesgesellschaft (DDG) hingegen fordert stets die Kombination einer Untersuchung des Langzeit-Zuckerwertes HbA1c sowie der Blutzuckermessungen selbst. Findet sich ein erhöhter Nüchternwert und ein HbA1c über 6 %, gilt die Diagnose „Diabetes“ als gesichert. Werte unter 5,7 % schließen die Zuckerkrankheit sicher aus. Alles, was dazwischenliegt, sollte unter Beobachtung bleiben, also in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden. Der Begriff des Prä-Diabetes (lat. prae – dt. vor) und die damit verbundene Vorstellung einer Vorstufe der Stoffwechselerkrankung sind mittlerweile überholt.

Die Ergebnisse einer großen Studie zeigen, dass Patienten mit einem HbA1c-Wert zwischen 5,5 und 6 % nur in 9 – 25 % der Fälle innerhalb der nächsten fünf Jahre einen manifesten Diabetes entwickeln. Liegt der HbA1c zwischen 6 und 6,5 %, besteht ein Risiko von 25 – 50 % binnen des künftigen halben Jahrzehnts. In China kommt eine über den Zeitraum von 23 Jahren durchgeführte Studie zu dem Resultat, dass die Sterblichkeit bei Diabetes erst durch signifikant erhöhte Blutzuckerwerte steigt. Ist lediglich die Zucker-Toleranz gestört, lässt sich kein Anstieg der Todesfälle nachweisen.

Also: Keine Panik bei Grenzbefunden! Wer einem latenten Diabetes mit Tabletten oder Insulin begegnet, schießt mit „Kanonen auf Spatzen“. Die Basisbehandlung eines Alters-Diabetes heißt – auch nach den Leitlinien der Deutschen und Amerikanischen Fachgesellschaften: Lebensstiländerung mit gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung.

Ihr Dr. med. Rainer Matejka