Loslassen und Frieden finden
Foto: doris oberfrank-list / Adobe Stock
Bewusstsein

Loslassen und Frieden finden

Dr. Irmtraut Tarr

Der Bildhauer Michelangelo wurde nach dem künstlerischen Geheimnis seiner Skulpturen gefragt. Seine Antwort könnte man auf einen Nenner bringen: weglassen, was überflüssig ist. Er bearbeitete den Stein so lange, bis all das weggehauen war, was nicht zur Skulptur gehörte, um das Kunstwerk, das im Stein angelegt war, freizulegen.

Unsere Lebenswirklichkeit ist zwar nicht dauerhaft in Stein zu bannen, weil wir in der Zeit stehen und damit im Wandel, aber wir können unsere Seele als plastisch begreifen, sie zur lebendigen Form „meißeln“, indem wir weglassen, was überflüssig ist. Jeder sein eigener Michel­angelo! Die Kraft zum Nein, die Stärke zum Loslassen von dem, was überflüssig ist, was ablenkt, was unwesentlich ist, kann man gewinnen, indem man sich darin übt, all das „wegzumeißeln“, was nicht eigentlich zur eigenen Person gehört, damit das Wesentliche durchscheinen kann. Dabei stößt man automatisch auf die Frage: Was möchte ich? Eine Patientin fasste es in einen Satz: „Ich möchte bei mir sein.“ Bei sich sein heißt: Frieden finden. Sich zufriedengeben mit dem, was ist. Als Möglichkeit ist dieser innere Frieden in uns allen angelegt. Man braucht weder eine besondere Hirnchemie noch jahrelange Meditationspraxis, weder Kopfstände noch Nabelschau. Als Kinder erlebten wir den Zugang zu diesem friedfertigen Sein noch unverstellter, wir haben es immer wieder praktiziert, wenn wir uns völlig dem Spiel hingaben oder mit offenen Augen ins Land unserer Träume eintauchten. Im Lauf der Zeit haben sich Schichten von Ängsten, Zweifeln und Erwartungen darüber gelegt, die es uns schwer machen, ganz im Hier und Jetzt zu sein und diesem inneren Frieden zu trauen.

Einfachheit stellt sich ein, wenn wir Frieden mit uns selbst schließen, weil wir allmählich zur Einsicht gelangen, dass wir die Früchte des Lebens nicht „vergolden“ müssen. Einige der Finten, Fallen und Verführungen können losgelassen werden, weil wir immer mehr begreifen, was wir an Reichtum in uns selbst besitzen. Das relativiert unsere Ichbezogenheit, unsere Überzeugung, dass wir alles kontrollieren, reparieren und verstehen können. Wenn das Ego nicht irgendwann relativiert, das heißt aus seiner Mittelpunktposition herausgerissen wird, wird es nie zum Frieden kommen. Frieden heißt: die Gegensätze, die Widersprüche zu vereinen. Wir können so in eine tiefere Ebene gelangen, die wir vielleicht als Weisheit bezeichnen dürfen. Frieden mit sich und der Welt ist möglich und kann glücken aus dem Grundgefühl der Geborgenheit in mir, in meinem Leben, in meiner Mitwelt.

Jeder Tag stellt uns vor die Wahl, auf welche Seite wir uns stellen – loslassen oder dranbleiben, Frieden oder Stress, seinlassen oder Druck. Den inneren Frieden zu finden, braucht weder Anstrengung noch stundenlanges Üben. Es braucht das, was ich „den entscheidenden Schritt tun“ nenne: einen mutigen Sprung in das Vertrauen und die Versöhnlichkeit mit sich selbst, im vollen Wissen um die Risiken, die das Leben bereithält. Das heißt: die Entmutigung besiegen und sich dem Leben hingeben. Dafür kann man sich entscheiden und es dann auch tun. Nur zu oft vergessen wir, dass das Leben ein Geschenk und nicht eine Liste von Erledigungen ist, die es abzuhaken gilt. Selbst wenn wir sterben, wird einiges unerledigt liegen bleiben. Hält man sich diese Tatsache vor Augen, gelingt es vielleicht leichter, den Zwang zum Erledigen loszulassen, jeden Schritt zu genießen und ein von Frieden erfülltes Leben zu führen.

Fühlt man sich einmal wieder unsäglich gestresst, so empfiehlt es sich, tief Luft zu holen und all das, was einen plagt und grämt, für einen Augenblick loszulassen. Die Gedanken „Ich bin da“, „Es gibt mich“ könnten ein Einstieg sein zur Entspannung des Körpers, zum Ankommen im Hier und Jetzt und der Verbundenheit mit dem großen Ganzen.

Autorin
Dr. Irmtraud Tarr ist Psychotherapeutin, Universitätsprofessorin und international tätige Konzert­organistin. Sie ist Autorin von über 30 Fachbüchern und Ratgebern. www.irmtraud-tarr.de